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Fastnacht in alter Zeit

"Huh Fastelovend!"

Erster Karnevalszug in Roisdorf 1939

Karnevalssitzung mit Prinzessinnenproklamation, Sitzung der Frauengemeinschaft, Kinderkostümfest, Karnevalistischer Frühschoppen, Weiberfastnachtszug etc. – die Formen, in denen sich das Fastnachtsbrauchtum in Roisdorf heute präsentiert, sind solche, die sich hier wie im gesamten Rheinland erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts durchgesetzt haben. So zog der Karnevalswagen der Möhnen des Damenkomitees „Germania“, von der Bevölkerung noch etwas skeptisch bestaunt, erstmals an Wiewerfastelovend des Jahres 1939 durch die Roisdorfer Straßen, hierin verspätet dem Vorbild des Nachbarorts Alfter folgend, wo es bereits 1897 einen ersten, vom Männergesangverein "Concordia" veranstalteten Umzug zum Fastnachtsdienstag gegeben hatte.

Heinrich von Wittgenstein

Zuvor unterschied sich das Brauchtum zur Fastnacht im Vorgebirge ganz wesentlich vom dem städtischen Brauchtum, das in Köln in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Rahmen einer umfassenden Reform entwickelt wurde. Immerhin sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Anfänge des organisierten Kölner Karnevals eng mit einem Einwohner Roisdorfs verbunden sind: Der hier aufgewachsene und den Sommer über auf seinem hiesigen Landsitz lebende Heinrich von Wittgenstein, einflussreicher Unternehmer und später erster Präsident des Zentral-Dombauvereins, gründete 1823 gemeinsam mit anderen Kölner Honoratioren das „Festordnende Komitee“, einen Vorläufer des heutigen „Festkomitees Kölner Karneval“, - dies mit dem Ziel, das als allzu chaotisch empfundene Treiben der Narren in geordnete Bahnen zu lenken - und organisierte als Sprecher des Festordnenden Komitees den ersten Kölner Rosenmontagszug.

Zwar dürfte es im 19. Jahrhundert in Roisdorf und den übrigen Dörfern des Vorgebirges an den Fastnachtstagen kaum, wie in den Städten, rauschende Maskenfeste gegeben haben, doch wurde auch hier in den Wirtshäusern bzw. Tanzsälen aufgespielt. Wie Ortsvorsteher Wilhelm Rech in seiner Roisdorfer Dorfchronik berichtet, nannte man eine dieser Tanzveranstaltungen an den Fastnachtstagen „Maispiel“, da die heiratsfähigen jungen Männer des Dorfes dabei zu einer „Reih“ zusammentraten, einen Schultheiß, zwei Schöffen, einen Fahnenträger und einen sog. Fax wählten, welche die Mailehenversteigerung am kommenden Ostermontag zu organisieren hatten.

Zentrales Element des Fastnachtsbrauchtums waren indes die Heischegänge durch das Dorf, die man als "Fuckjagen" bezeichnete. Möglicherweise leitet sich der Begriff "Fuckjagen", der anderenorts auch als "Vuhjagen" bekannt ist, vom niederländischen "fooi" (Trinkgeld) ab, also den Gaben, die man während des Zuges durch das Dorf mit bisweilen rauher Eindringlichkeit erbettelte. Mit „Fuck“ bezeichnete man aber auch den wollenen Frauenunterrock und so waren die Frauen und Mädchen des Dorfes denn auch nicht selten die Opfer dieser Jagd. Mit Ruten aus Wachholderbusch oder mit anderen Zweigen schlugen Männer und Jungen scherzhaft auf sie ein und ließen erst dann von ihrem Tun ab, wenn ihnen eine Spende in Form von Geld oder Naturalien zugesagt wurde.

Äerzebär der Heimatfreunde im Karnevalszug 1994

Vor allem aber war das Fuckjagen Sache der Kinder. Sie zogen in Gruppen wild verkleidet durch das Dorf, um mit allem, was sich dazu eignet, mit Kesseln, Deckeln, Gießkannen oder mit Erbsen gefüllten Schweinsblasen, möglichst viel Lärm zu machen - ursprünglich wohl, um die winterlichen Dämonen zu vertreiben. Mit entsprechenden Liedern wurde dabei um die Spende von allerhand Lebensmitteln gebeten, aus denen ein letztes üppiges Festmahl vor dem Beginn der österlichen Fastenzeit zusammengestellt werden sollte. Das "Fuckjagen" ist damit durchaus verwandt mit dem heute noch bekannten „Schnöerzen“ der Kinder am Vorabend des St. Martinsfestes. Auch dieses Fest markierte ja ehemals, wie Fastnacht, den Beginn einer Fastenzeit, der sechswöchigen Bußzeit vor Weihnachten. Karnevalszug und Martinszug, am Vorgebirge bis heute hochgeschätzt und lebendig, haben somit beide ihre Wurzeln in den alten Heischegängen.

Manche der Kinder verkleideten sich bei den Umzügen mit schreckenserregenden, teufelsähnlichen Masken als sog. „Horken“ - ein Wort, das wohl mit dem niederländischen „Hark“ (Teufel) zusammenhängt. Sie wurden mancherorts mit dem Ausruf "Horiko, Horketringche, Horix, Horix" begrüßt. Oft führte man auch den „Äerzebär“ (Erbsenbär) mit, eine Figur, die in Roisdorf übrigens nicht nur an Fastnacht, sondern auch zum Abschluss der Weinlese zum Einsatz kam: In ein sackartiges Gewand gehüllt, mit Erbsenstroh umwickelt, wurde der Äerzebär von einem "Bäredriever" an Ketten von Haus zu Haus geleitet, um dort seine drolligen Tänze aufzuführen und zu reichlichen Spenden anzuregen.

Rommelspott

Die rhythmische Begleitung hierzu wurde außer den erwähnten Lärminstrumenten durch den „Rommelspott“ gewährleistet, einen mit Fell oder Schweinsblase überspannten irdenen Topf, in dessen Mitte ein Schilfrohr oder starker Strohhalm befestigt war. Wurde das Rohr mit feuchten Fingern bestrichen, gab der Topf einen entsprechenden quakenden Ton von sich.

Ein beliebtes Liedchen, das man hierzu sang lautete:

„Rommeldibommel mem Rommelspott!
Fällt e om Dörpel, dann ös e kapott!
Holladidolla, os Ferke ös fett!
Jitt et neu Blose für Rommelspött“

(Rommeldibommel mit dem Rommelstopf!/ Fällt er auf der Türschwelle, dann ist er kaputt!/ Holladidolla, unser Ferkel ist fett!/ Gibt es neue Blasen für Rommelstöpfe).

Aus Hemmerich ist der - von Ort zu Ort variierende - Text des alten Fastnachtsliedes des Vorgebirges überliefert, das die Kinder beim Fuckjagen sangen. An seine ersten Zeilen können sich indes auch noch ältere Roisdorfer erinnern:

Huh Fastelovend!

Schneck mir e Stöck vom Broode,
Schneck mir e Stöck vom beste Speck
Loss mich ens kohre, wie dat schmeck.

Setz die Leede ahn die Wand,
Schneck de Brootwuesch en de Hand.
Taaß noh de decke,
Loss die schmale schmecke.
Taaß ens en dat Eiefaaß.
Werden üch de Hänk net naaß.

N’oovend Jott, Jott,
Wat rommelt dä Pott.
Wat klinken die Kette,
Wat stinken die Flette.

N’oovend Spellmann,
wo blievs du su lang
M’em kleene Viülche,
Met de jruße Bombam.

He wonnt en jood Möhn,
Die os och jet jäwe kann.
Jitt se ons jet, dan jomme.
Bes op et Joa öm de Zick,
Dann witt et wahl jet beiste jonn.

(Hoch Fastnacht!/ Schneid mir ein Stück vom Braten,/ Schneid mir ein Stück vom besten Speck./ Lass mich mal probieren, wie das schmeckt./ Setz die Leiter an die Wand/ Schneid die Bratwurst in die Hand./ Taste nach den dicken,/ Lass die schmalen schmecken./ Taste mal ins Eierfass./ Werden euch die Hände nicht nass./ N’abend Patin, Patin,/ Wie rummelt der Topf./ Wie klingen die Ketten,/ Was stinken die Nelken (?)/ N’abend Spielmann,/ wo bleibst du so lange/ Mit dem kleinen Viölchen,/ Mit der großen Bombam./ Hier wohnt eine gute Frau,/ Die uns auch etwas geben kann,/ Gibt sie uns was, dan gehen wir/ Bis in einem Jahr um diese Zeit,/ Dann wird es wohl etwas besser gehen.)

Eine lebendige Schilderung des - pädagogisch gezügelten - Fastnachtstreibens der Kinder aus Bornheim, Roisdorf und Botzdorf im Jahre 1813 stammt aus der Feder des Bornheimer Schullehrers Andreas Flohr, und sei hier abschließend wiedergegeben.

"Donnerstag vor dem Fastnachtssonntag nahm das Fest seinen Anfang. Vor dieser Zeit hatte der Lehrer schon für die Knaben, welche Auszeichnung verdienten, Ehrentitel bestimmt als Kaiser, König, Hauptmann, Fähnrich, Lakeien usw. Mit dem Fähnrichsdienste wurde ich in den letzten drei Jahren meiner Schulzeit beehrt. Auch wurde jedem Knaben (bis zu einem gewissen Alter) ein Mädchen zugesellt. Nun ging’s los: An dem genannten Donnerstage nach beendigtem Gottesdienst versammelten wir uns im Schulzimmer, ich setzte meinen dreikantig ausgekrämpften, mit Papierborden verzierten Hut auf, nahm meine Fahne (ein mit Bändern besticktes Tuch an einem Stabe) und eröffnete den Zug. Es begann das sog. „Fuckjagen“. Gleich hinter mir folgte der Wortführer usw. vor allem durfte der Kiepenträger nicht fehlen. Ein Musiker, der einige Hopser auf der Violine spielen konnte, begleitete den Zug. Zuerst ging’s nach Roisdorf, wo damals noch kein Lehrer war, und dort in jene Häuser, aus welchen Kinder unsere Schule besuchten, oder wo man glaubte, dass es etwas in die Kiepe geben würde. Beim Eintritt in ein Haus machte zuerst der Musiker ein Hopserchen, wobei gewöhnlich von den Kindern herumgesprungen wurde. Dadurch aufmerksam gemacht, kam nun der Hausherr oder die Hausfrau, auch wohl beide zum Vorschein. Nun trat der Wortführer vor und las von einem beschriebenen Blatte folgendermaßen: Hier kommen die hochlöblichen und braven Kinder von Bornheim, die begehren eine freiwillige Beisteuer von etlichen Hammen und Schinken, die sind uns lieber als Diestelfinken; Eier und Bratwurst, die stoppen den Hunger und bringen den Durst. Erbsen und Bohnen und andere gute Sachen, thun uns auch gut schmachen, und wenn sie uns Trinkgeld verehren, das wollen wir brüderlich verzehren. Hansjörgen Leinenkittel, Wortführer in Bornheim.

Nun wurde wieder ein Hopser gespielt, wobei die Knaben mit ihren zugestellten Mädchen herumsprangen. Unterdes schüttelte die Hausfrau einen Teller Erbsen, Bohnen oder Gerste in die Kiepe, legte etwas Speck oder Wurst, wohl auch einen halben Schweinskopf oder ein Rückenstück hinein. Der Wortführer dankte und dann ging es weiter, bis die Dörfer Roisdorf, Botzdorf und Bornheim durchwandert und einige Kiepen Speck, Bohnen, Gerste usw. zusammengebracht hatten. Somit waren nun die drei Tage vor Fastnacht verstrichen und alle Schulkinder freuten sich auf den Fastnachtssonntag. An diesem Tage gegen 11 Uhr morgens begaben sich alle Schüler mit Löffeln und Gabeln versehen, zur Schule, wo nun ein gemeinschaftliches Mittagsmahl gehalten wurde. Nach Beendigung desselben wurde die Schule von Tischen und Bänken möglichst geräumt, zwei Musiker traten ein, die Musik begann und es wurde von Knaben und Mädchen getanzt und gesprungen bis in den Abend.“

Quellen und Literatur:

- Josef Dietz, Huh Fasteloovend! Vom urtümlichen Brauchtum in Stadt und Land, in: Heimatblätter für Bonn und Umgebung, Beilage der Kölnischen Rundschau vom 18.2.1950, S. 9f.
- Andreas Flohr, Schulchronik der Gemeinde Bornheim, Manuskript im Stadtarchiv Bornheim, Sammlung Norbert Zerlett, Nr. 31
- Wilhelm Rech, Roisdorf 1800 – 1910, Manuskript Familie Rech, Roisdorf, S. 78ff.
- Harald Stadler, Ursprünge des Karnevals in Roisdorf, in: Festschrift „50 Jahre Karnevalsumzug in Roisdorf, 1939 – 1989“, KG Vorgebirgssterne, Roisdorf 1989

Die Neuzeit und damit die Erfolgsgeschichte des Roisdorfer Karnevals bis heute begann mit der Gründung des "Damenkomitees Germania" 1938. Hierüber mehr im "Karnevalsspiegel 2014" der KG Vorgebirgssterne e.V., als ebook downzuloaden auf deren Homepage http://www.vorgebirgssterne.de/