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Der Paias regiert die Kirmes

... und dass, obwohl er an allem schuld ist!

Paias im Giebel der Wirtschaft "Zur Gemütlichen Ecke"

Neben Fastnacht, Fronleichnam und Martinsabend ist die „Große Kirmes“ oder "Großkirmes" einer der Anlässe im Jahr, an denen im Vorgebirge althergebrachtes geistliches oder weltliches Brauchtum in großer Vielfalt gepflegt wird. Von einigen Ausnahmen abgesehen, findet die Großkirmes stets Spätsommer und Herbst statt. Meist ist sie der Erinnerung an die Weihe der Pfarrkirche gewidmet, manchmal aber auch der Verehrung des Pfarrpatrons, falls zu dessen Ehren nicht an einem anderen Termin des Jahres eine besondere „Kleinkirmes“ gefeiert wird – wie etwa in Roisdorf am Sonntag nach dem Fest des hl. Sebastianus am 20. Januar.

Roisdorfer Kirmesgesellschaft mit Paias, 1929

Eine eigenständige Roisdorfer „Großkirmes“ wird seit beinahe achtzig Jahren – genauer, seit dem Jahr 1933 – abgehalten, und zwar jeweils am vierten Sonntag im September. In der Zeit davor begingen die Roisdorfer ihre Kirmes am dritten Sonntag dieses Monats gemeinsam mit Alfter, zu dessen Pfarrei sie bis 1891 gehört hatten: In der Nähe des Mineralbrunnens, am sog. „Buëneplätzchen“, gab es bereits vor 1933 einige Buden, doch konnte sich dort die Kirmes wegen der Beengtheit des Raums und der Alfterer Konkurrenz nicht recht entwickeln. Dies hoffte man zu ändern, indem man den Termin um eine Woche verschob und gleichzeitig den Buden- und Karussellbetrieb an das „Bähnchen“ verlegte, d.h. auf die platzartige Einmündung der Friedrichstraße in die Siegesstraße, vor der heutigen Wirtschaft Hamacher. Auf den Platz am anderen Ende der Friedrichstraße, gegenüber der heutigen Grundschule, siedelte der Kirmesbetrieb in der Mitte der 1950-er Jahre um. Eine erneute Umsiedlung auf den Dorfplatz bei der neuen Kirche stand 1993 an. Hatte der 1933 gewählte Kirmestermin keine Beziehung zum Tag der Weihe der Roisdorfer Pfarrkirche gehabt – die alte Kirche war am 22. Juni 1892 geweiht worden – so änderte sich dies mit der Weihe der neuen Kirche, die man bewusst am 20. September 1975, dem Kirmessonntag, stattfinden ließ.

Schützen mit Königsvogel in der Brunnenstraße, Anfang 1960-er Jahre

Seit wann man im Köln-Bonner Raum Kirchweihfeste begeht, ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln. Die Kirmes war jedoch stets eine Feier für alle Angehörigen der Pfarrgemeinde, in die man auch die Verstorbenen mit einbezog: Von weit her kamen die Familien zusammen, nicht nur um gemeinsam ausgiebig zu essen und zu trinken, sondern auch, um für das Seelenheil der Verwandten und der Vorfahren zu beten. Wo viele Menschen zusammenströmten, lohnte es sich natürlich für fahrende Händler, Verkaufsbuden und später auch Fahrgeschäfte aufzubauen, beides im Vorgebirge als „Kröm“ bezeichnet. Allmählich verband sich mit der Kirmes vielfältiges Brauchtum, das sich in den verschiedenen Orten in unterschiedlichem Maße ausprägte und bzw. bis heute erhalten hat. Hier sind zu nennen das Aufstellen eines Kirmesbaums in der Dorfmitte und das Aufziehen einer Kirmesfahne als weithin sichtbare Zeichen der Kirmes, die „Köttzüge“, also Heischegänge der Junggesellen, das Glockenbeiern und das Fähndelschwenken, der Kirmestanz sowie Glücks- und Wettspiele wie das „Hahneköppen“ und das „Schörreskarre-Rennen“.

In Roisdorf verband sich das Kirmesbrauchtum über lange Jahrzehnte mit dem Schützenbrauchtum, so dass auch der Umzug und das Königs- und Prinzenschießen der Schützen auf dieses Fest verlegt wurden. Seit einigen Jahren hat ist dieses wieder dem Schützenfest im Juli angegliedert.

Spiel mit dem spanischen Paias, dem Pelele, nach Francisco Goya, 1791

Ein wesentliches Element des rheinischen Kirmesbrauchtums war jedoch in Roisdorf, anders als in einigen Nachbarorten, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vernachlässigt worden: Es fehlte der Paias, die traditionelle Symbolfigur der rheinischen Kirmes.

Dass es sich bei ihm um eine vogelscheuchenartig anmutende Puppe aus mit Stroh ausgestopften alten Männerkleidern handelt, lässt bereits der Name "Paias" erkennen: Dieser ist eindeutig von „paillasse“ abzuleiten, was im Französischen wörtlich Strohsack bedeutet, im übertragenen Sinne aber auch Hampelmann oder Hans Wurst. Es mag sein, dass die Bezeichnung seit der Zeit der französischen Besetzung des Rheinlands um 1800 in unserer Gegend heimisch wurde. In Südfrankreich jedenfalls kennt man dem Vernehmen nach ein eigenes Paillasse-Fest, bei dem sich erwachsene Dorfbewohner in Würdigung des Unfugs des Wüstlings gegenseitig mit Dung bewerfen. In seiner italienischen Form als „pagliaccio“, also Bajazzo, machte der Paias in der Commedia dell'arte Karriere. Der Paillasse/ Bajazzo/ Paias stellt mithin ein geradezu europaweites Phänomen dar, das man bereits vor Jahrhunderten kannte. Possenreißer begleiteten bereits im Mittelalter die Seiltänzer, Gaukler und Schausteller, die von Markt zu Markt und von Kirmes zu Kirmes zogen. Kein Wunder, dass ihr Vor- oder Abbild aus Stroh und Lumpen zur Symbolfigur der Kirmes aufstieg.

Irrig ist übrigens die Annahme, dass die Bezeichnung Paias auf die Pejes oder Pajes, die Schläfenlocken jüdischer Männer (hebräisch: Peot) zurückzuführen sei. Von Kritikern des Paiasbrauchtums wird diese These bisweilen in diffamierender Weise bemüht.

Zachäus auf dem Maulbeerfeigenbaum, 13. Jahrhundert

Weist schon die Namensform darauf hin, dass der Paias keineswegs nur eine rheinische Erscheinung ist, so wird er doch mit diesem Namen nur in unserer engeren Heimat, genauer im Bonner Land und an der unteren Sieg, bezeichnet. Neben „Kirmesmann“ oder „Nubbel“ (so in Köln, wo er auch an den Karnevalstagen erscheint) trägt die Strohpuppe vor allem den Namen „Zacheies“, dies in einem Gebiet von der Ahr im Süden bis zum Kölner Raum im Norden, vom Bergischen Land im Osten bis an die Erft und in die Eifel hinein im Westen.

Er gibt sich damit als die Verkörperung des kleinwüchsigen Oberzöllners Zachäus aus Jericho zu erkennen. Dieser war gemäß dem Lukasevangelium (Luk 19, 1 – 10) auf einen wilden Maulbeerfeigenbaum geklettert, um den vorbeiziehenden Jesus besser sehen zu können. Jesus machte jedoch halt und forderte ihn auf, eilends von dem Baum herunterzusteigen, da er, der Verachtung der ehrbaren Bürger zum Trotz, beabsichtigte, bei ihm einzukehren. Dieses Evangelium wurde seit dem Mittelalter bei jeder Kirchweihe und beim Hochamt eines jeden Kirchweihfestes verlesen und war so den Menschen vertraut. Bereits für das 16. Jahrhundert ist belegt, dass man die Kirmesfahne, die am Kirmesbaum befestigt war, als das Gewand des Zachäus deutete, das ihm beim Hinunterklettern hängen geblieben war. Noch heute setzt man mancherorts, dem Bericht des Evangelisten entsprechend, den Zacheies in den festlich geschmückten Kirmesbaum.

Eine biblische Gestalt und ein Possenreißer gehen somit in der Figur des Zacheies/ Paias eine eigentümliche Verbindung ein, wie sich ja auch beim Kirmesbrauchtum insgesamt Kirchliches und Weltliches unbekümmert zusammenfügen.

Junggesellen mit Paias, 2014

Mit Späßen und Scherzen und bei Musikklängen wird der Zacheies/ Paias heute an vielen Orten zur Beginn der Kirmes in einem Köttzug der Junggesellen den Dorfbewohnern präsentiert und ihm Geleit gegeben zu dem Platz, an dem er die Kirmestage über das fröhliche Treiben bewachen soll. Ihm können jedoch auch, wie einst dem ehrlosen „fahrenden Volk“, alle die Verbrechen und Schandtaten, die während der Kirmes und darüber hinaus im gesamten vergangenen Jahr begangen wurden, zugeschrieben werden. Es erwartet den Paias daher zum Abschluss der Kirmes stets eine Gerichtsverhandlung, die unweigerlich darauf hinausläuft, dass er zur Strafe des Verbranntwerdens verurteilt wird, oder auch, je nach örtlichen Gegebenheiten und Traditionen, zum Versenktwerden im Rhein oder schlicht zum Begrabenwerden.

Paiasverhandlung in Roisdorf, 2010

Seit 1991 gibt es auch in Roisdorf wieder einen Paias. Die Initiative hierzu ging von den damals neugegründeten „Heimatfreunden Roisdorf“ aus, denen eine Wiederbelebung des danieder liegenden dörflichen Kirmestreibens am Herzen lag. Seit der (Wieder-)Begründung des Roisdorfer Junggesellenvereins „Echte Fründe“ im Jahre 1994 wird der Köttzug, wie es sich ja eigentlich auch gehört, von dieser Vereinigung veranstaltet. Ein fester Bestandteil des Kirmesprogramms ist es inzwischen, dass die Junggesellen im Rahmen des Fähndelschwenkens, das sie nach dem Kirmeshochamt und der Totenehrung am Ehrenmal vorführen, die amtierende Karnevalsprinzessin, ersatzweise auch die Schützenkönigin, Maikönigin oder Ortsvorsteherin zum Ehrentanz mit dem Paias auffordern. Anschließend wird der Paias in einem kleinen Festzug zu einer der Dorfwirtschaft geführt, bei der er die Kirmestage über auf einer Fahnenstange sitzend verbleibt, bis er am Abend des Kirmesdienstag, begleitet von Blasmusik der Roisdorfer Musikfreunde auf den Kirchenvorplatz geführt wird. Hier hat er sich dann vor dem Hohen Kirmesgericht, das die Heimatfreunde und die Junggesellen gemeinsam stellen, für all seine Schandtaten zu verantworten. Im Streitgespräch zwischen dem Staatsanwalt und dem Verteidiger, dem Richter und der „Frau des Paias“, kommt dabei all das parodistisch zur Sprache, was im Dorf an kleineren und größeren Missgeschicken passiert ist, ohne dass hierbei irgend jemand verbal angegriffen oder verletzt wird. Mit der schmählichen Verbrennung des Paias findet die Roisdorfer Kirmes ihren markanten Abschluss.

Herzlich eingeladen sei jedermann, ob groß oder klein, jeweils am Kirmesdienstag um 18.30 Uhr der Paiasverhandlung beizuwohnen. Besorgten Zeitgenossen sei versichert, dass dem Paias kein wirkliches Leid geschieht, er vielmehr im nächsten Jahr wieder in alter Frische zur Stelle sein wird, um den Roisdorfern frohe Kirmestage zu bereiten.