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Der Entdecker des Mineralbrunnens

Der Mediziner Franz Wilhelm Kauhlen (1750 - 1793)

Franz Wilhelm Kauhlen Kupferstich nach 1784

„Dissertatio inauguralis medica in qua propositum examen fontis mineralis soterii Roisdorffiensis prope Bonnam“ – Medizinische Inauguraldissertation, in der die Untersuchung der mineralischen Heilquelle zu Roisdorf nahe Bonn vorgestellt wird – so lautete der Titel der Schrift des Jahres 1774, in der die Vorzüge und der gesundheitliche Wert des Roisdorfer Mineralwassers gepriesen, dieses gar auf eine Stufe mit dem damals berühmten Wasser aus Niederselters gestellt wurde, und mit der alles seinen Anfang nahm: Der bis heute florierende Betrieb des Roisdorfer Mineralbrunnens, in seiner Folge der rasante wirtschaftliche Aufschwung Roisdorfs im 19. und 20. Jahrhundert samt seiner immensen sozialen und kulturellen Auswirkungen.

Nur wenigen bekannt ist heute der Verfasser des verdienstvollen Gutachtens, der Student der königlich-brandenburgischen Universität zu Duisburg Franz Wilhelm Kauhlen, an den als herausragende Persönlichkeit unserer Heimat im ausgehenden 18. Jahrhundert zu erinnern sich lohnen dürfte.

Schloss Dyck, Residenz der Grafen zu Salm-Reifferscheid-Dyck

Geboren wurde Franz-Wilhelm Kauhlen am 27. Januar 1750 im Dorf Hemmerden am Niederrhein, heute zur Stadt Grevenbroich gehörend, damals Teil der Reichsherrschaft Dyck, der Residenz der auch der Herrlichkeit Alfter und damit Roisdorf vorstehenden Grafen von Salm-Reifferscheidt-Dyck. Kauhlen entstammte einer auf dem Hof Vellrath ansässigen großbäuerlichen Familie, deren Mitglieder auch als Halbwinner von Dyck bezeichnet werden und die damit auch in besonders enger Beziehung zum gräflichen Hause zu sehen sind.

Johann Gottlob Leidenfrost (1715-1794)

Der begabte Junge besuchte nach erstem Schulunterricht im unweit gelegenen Elsen das Jesuitengymnasium in Neuss, wo er sich gegenüber seinen Mitschülern durch besondere Leistungen auszeichnet haben soll. 1768 bis 1770 weilte Kauhlen am Gymnasium der Lautentiner in Köln, um anschließend an der dortigen Universität das Studium der „Gottes- und Rechtsgelehrtheit“ aufzunehmen. Da ihm dieses jedoch nicht behagte, wechselte er bereits 1771 an die königlich-brandenburgische Universität zu Duisburg – für einen katholischen Studenten der Zeit eine bemerkenswerte Entscheidung, war die Duisburger Universität doch evangelisch-reformiert geprägt. Hier widmete sich Kauhlen nun dem Studium der Medizin und wurde er Schüler des bedeutenden Mediziners und Chemikers Johann Gottlob Leidenfrost. Dessen Forschungen über die Natur des Wassers mögen ihn dazu angeregt haben, sich in seiner Dissertation mit der Analyse von Mineralwasser zu beschäftigen, wobei es nahe lag, den Roisdorfer Sauerbrunnen zu als Untersuchungsgegenstand zu wählen, war dieser doch Eigentum der Grafen von Salm-Reifferscheidt-Dyck. Zu vermuten ist dabei durchaus, dass die Wahl nicht zuletzt Ausdruck der Dankbarkeit Kauhlens gegenüber der gräflichen Familie für die Förderung seiner Ausbildung war. Die Dissertation versah er so mit einer ehrerbietig verfassten Widmung an Altgraf Johann Franz Wilhelm.

ehem. "Maxische Akademie" in der Bonngasse

Während die Abfüllung und der Versand des Roisdorfer Mineralwassers, dessen Heilkraft nun als wissenschaftlich nachgewiesen gelten konnte, umgehend in Schwung kamen – die beiden Pächter des Brunnens, der gräfliche Vogtsverwalter Püllen und der Lehnsschöffe Knappertz, dürften übrigens Verwandte Kauhlens aus Kauhlens niederrheinischer Heimat gewesen sein – ergänzte der junge Doktor der Medizin seine theoretische und praktische Ausbildung an der Universität zu Straßburg im Elsass, um sich 1775 als praktischer Arzt in Bonn, der Residenzstadt der Kurfürsten und Erzbischöfe von Köln, niederzulassen. Anfang 1776 bot er im sog. „Clementinischen Lehrhaus“ die ersten medizinischen Vorlesungen in Bonn an, in denen er anatomische und chirurgisch-praktische Anleitungen gab.

Diese Vorlesungen stehen im Zusammenhang mit dem Aufbau einer das Gymnasium des verbotenen Jesuitenordens ersetzenden Akademie durch Kurfürst Max Friedrich von Königsegg und seinen Minister Kaspar Anton Belderbusch. Im Jahre 1777 wurde die sog. „Maxische Akademie“ mit den Abteilungen für „Gottes-, Rechts- und Arzneigelehrtheit sowie Weltweisheit“ und einem fünfklassigen Gymnasium statuiert, Kauhlen dort Professor für Medizin („Pathologie, Praxis und Medicinalpolicey“). Er erhielt den Titel eines kurkölnischen Hofrats. Seine gehobene gesellschaftliche Stellung kam im selben Jahr gleichfalls zum Ausdruck in der Heirat mit Anna Maria Kaufmann, Tochter des Bonner Ratsbürgermeisters Peter Josef Kaufmann und Schwester des Alfterer Vogts Matthias Joseph Kauffmann. Als akademischer Lehrer betreute Kauhlen fortan Abhandlungen über Pathologie und medizinische Praxis, doch widmete er sich auch weiterhin ärztlicher Tätigkeit. 1782 wurde er auf eigenes Bestreben zum Garnisonsarzt ernannt, sah er doch seine Hauptaufgabe darin, den Menschen, wie er selbst bekundete, „aus Leibesnot zu helfen“. 1783 wurden ihm für die Lehraufgaben an der Akademie zwei fähige Kollegen zur Seite gestellt.

Kurfürst Max Franz von Habsburg-Lohtringen

Als im Jahre 1784 Max Franz von Habsburg-Lothringen als neuer Kölner Erzbischof und Kurfürst in Bonn einzog, verstärkten sich die Bestrebungen, die kurfürstliche Akademie – in bewusstem Gegensatz zur benachbarten Stadtuniversität Köln – zu einer ganz fortschrittlichem Geiste verpflichteten kurkölnischen Universität auszubauen. Kaiser Joseph II., Bruder von Kurfürst Max Franz, verlieh dieser umgehend die entsprechenden Privilegien. Obwohl Max Franz zunächst skeptisch gegenüber dem eher der medizinischen Praxis als der Theorie zugeneigten Professor Kauhlen eingestellt war, berief er ihn doch erneut auf den Lehrstuhl für Pathologie. Kauhlen behauptete sich in der Folge nicht nur unter den neuen, prominenteren Professorenkollegen der Universität, sondern es gelang ihm sogar, sein Ansehen auszubauen. So wirkte er 1786 als Dekan der medizinischen Fakultät, wurde er 1789 gar der dritte Rektor der Universität.

Programmatisch war die Rede, die er 1786 anlässlich der offiziellen Einweihung der Universität über die „Hindernisse, die der Vervollkommnung der Arzneykunde im Wege stehen“ hielt und in der er logisch exakte Arbeitsweise, unvoreingenommene kritische Beurteilung und klare Begrifflichkeitsbildung für den medizinischen Bereich forderte. In den wissenschaftlichen Arbeiten, die er in dieser Zeit verfasste oder betreute, erwies er sich als Vorkämpfer für verbesserte Hygiene und für gesündere Wohnverhältnisse der Bevölkerung, beschäftigte er sich mit der Erforschung der Ruhr sowie des Wund- und des Kindbettfiebers. Als Mitglied des Medizinalrats arbeitete er an einer grundlegenden Reform des Medizinalwesens in Kurköln, an der Hebung des Ausbildungsstands der Ärzte und der Bekämpfung ärztlicher Scharlatanerie. 1787 sondierte Kauhlen im Auftrag des Kurfürsten die Möglichkeiten eines Ausbaus Roisdorfs als kurkölnisches Heilbad, was bekanntlich am Widerstand der Alfterer Altgräfin scheitern sollte. 1789 erhielt seine medizinische Fakultät eine eigene Anatomie am Wall zwischen Kölntor und Sterntor, samt einem Heilpflanzen enthaltenden botanischen Garten.

Titelblatt der Zeitschrift der Bonner Illuminaten

All diese Aktivitäten kennzeichnen Kauhlen als Vertreter der Aufklärung, von der kurfürstliche Hof und die Universität Bonn damals stärker denn je durchdrungen waren. Als bezeichnend kann gelten, dass über dem Schreibtisch des leitenden kurkölnischen Ministers, des Kammerpräsidenten und Kurators der Universität, Franz Wilhelm von Spiegel zum Diesenberg, die Porträts von Martin Luther und Immanuel Kant hingen. Kauhlens Engagement für den Geist der Aufklärung war dabei radikaler als das seiner Kollegen: Er war 1782 der erste der Bonner Professoren, der sich unter die Illuminaten aufnehmen ließ, d.h. in die von Adam Weishaupt in Ingolstadt gegründete Geheimgesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, durch sittliche Verbesserung die Herrschaft von Menschen über Menschen überflüssig zu machen. 1781 hatte sich als deren Bonner Ableger die sog. „Minervalkirche Stagira“, benannt nach dem Geburtsort des Aristoteles, etabliert. Ihr sollten neben Kauhlen, der den Ordensnamen „Tassilo“ führte, Hoforganist Christian Gottlob Neefe, also der Lehrer Beethovens, sowie Bonifaz Oberthür, der zweite Rektor der Universität, und weitere hochgestellte Persönlichkeiten aus Hof und Universität beitreten. Trotz des 1785 ausgesprochenen Verbots konnte sich selbst Kurfürst Max Franz der Sympathie für die Angehörigen des Illuminatenordens nicht verschließen, von denen einige in der 1787 gegründeten, bis heute bestehenden „Lese- und Erholungsgesellschaft“ erneut zusammenfanden - unter ihnen, als einer der ersten, Franz Wilhelm Kauhlen.

der junge Ludwig van Beethoven

Der junge Wilhelm von Humboldt, der Kauhlen im Jahre 1788 aufsuchte, war indes wenig von ihm angetan: „Er ist ein großer, dicker, ziemlich plump gebauter Mann. Sein Äußeres verrät viel von seinem Charakter. Er ist ein Mann ohne alle leere Höflichkeitszeremonien, geradezu, aber äußerst dienstfertig und gefällig. Er spricht wenig, man muss das Gespräch immer anfangen und auch dann ist nicht viel aus ihm zu bringen.“ Trotz der etwas bäuerisch wirkenden Biederkeit Kauhlens, die den weltgewandten preußischen Gelehrten abstieß, nahm die Familie Kauhlen doch intensiv an dem reichen kulturellen Leben der Residenzstadt teil. Wohl über den Medizinstudenten Franz Gerhard Wegeler, dessen späteres Wirken als Arzt und Medizinalbeamter stark von Kauhlen beeinflusst erscheint, kam eine Verbindung zu dessen Freund Ludwig van Beethoven zustande. Gemäß der Familienüberlieferung weilte der junge Beethoven des öfteren im Hause, um gemeinsam mit Kauhlens Ehefrau zu musizieren. Die hierbei benutzte Amati-Geige wurde noch Generationen später in Ehren gehalten. Drei Kinder gingen aus der Ehe von Franz Wilhelm Kauhlen und Anna Maria Kaufmann hervor: Lambert Joseph, später Amtsarzt in Zons, Matthias Franz, später Forstmeister in Gemünd in der Eifel - nach ihm ist dort heute eine Straße benannt -, und Maria Agnes, die Johann Adolph Steinberger heiraten sollte, den langjährigen Kölner Oberbürgermeister.

Ansichtskarte des Roisdorfer Brunnens, ca. 1900

Franz Wilhelm Kauhlen war allerdings kein langes Leben beschieden. Nachdem Kurfürst Max Franz Ende 1792 vor den herannahenden französischen Revolutionstruppen nach Münster geflohen war, betreute Kauhlen als Garnisonsarzt das kaiserlich-österreichische Militär, das anstelle des kurkölnischen nun in Bonn stationiert war. Hierbei zog sich der gerade 43jährige eine tödliche Infektion zu. Er verstarb zu Bonn am 13. Februar 1793, wie sein Totenzettel vermeldet, „an einem mit Geduld ausgestandenem Lazarethfieber (Typhus), wovon er angesteckt wurde, als er mit Aufopferung seiner selbst den damit behafteten Kranken sich eifrigst widmete, und endlich gemaeldtes bösartiges Fieber zum Wohl des Vaterlandes zu untersuchen und Mittel dagegen vorzuschlagen sich beeiferte“. Der Tod des leidenschaftlichen Arztes sowie bedeutenden medizinischen Forschers und Lehrers entsprach damit in bemerkenswerter Weise seinem Leben.

Die Erinnerung an Leben und Wirken Franz Wilhelm Kauhlens wach zu halten, steht gerade uns Roisdorfern in besonderem Maße an. Auch wenn es nicht gelungen ist, um den von ihm „entdeckten“ Mineralbrunnen herum Roisdorf dauerhaft zum Kurort auszubauen, hätte die Entwicklung unseres Heimatortes ohne den wirtschaftlich genutzten Brunnen doch gewiss einen ganz anderen und wohl weniger glücklichen Verlauf genommen.

Literatur:
- Max Braubach, Die erste Bonner Hochschule. Maxische Akademie und kurfürstliche Universität 1774/77 bis 1798, Bonn 1966, S. 168-171
- Norbert Zerlett, Roisdorf als zweites Weltbad Spa im Vorgebirge geplant. Ein Beitrag zur Geschichte des Badewesens im Rheinland, in: Godesberger Heimatblätter 12 (1974), S. 124-137
- Paul Kaufmann, Zur Geschichte der Familien Kaufmann aus Bonn und Pelzer aus Köln