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Startseite Geschichte Der Mineralbrunnen Teil 1: Der "sure Born"

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Teil 1: Der "sure Born" Teil 2: Kurbad Roisdorf Teil 3: "Roisdorfer natürlich!" Der Entdecker des Mineralbrunnens Stimmen aus dem 19. Jahrhundert Die Mineralwasser-Revolte von 1844

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Teil 1: Der "sure Born"

Frühzeit, erneute Entdeckung und Vermarktung des Mineralbrunnens

"Der Roisdorfer Brunnen sprudelt weiter ..."

Luftaufnahme des Roisdorfer Brunnens, 1980er Jahre

Der Kölner Express meldete am 27.2.2008: „Aus und vorbei. Am 31. Mai wird der letzte Tropfen Mineralwasser aus dem Roisdorfer Brunnen geholt. Dann wird der Betrieb geschlossen. 2000 Jahre rheinische „Wasser-Geschichte“ gehen zu Ende.“ Ähnliches wusste der Bonner Generalanzeiger am selben Tag zu vermelden. Er wartete gleich mit detaillierten Plänen für die Nutzung des Brunnengeländes in der Zeit nach der Einstellung des Brunnenbetriebs auf.

Doch so leicht ist der Roisdorfer Brunnen nicht unterzukriegen: Die Schließung konnte, wie die Presse am 6.5.2008 berichtete, in letzter Minute abgewendet werden. So z.B. die Bonner Rundschau: "Wie gestern Abend bekannt wurde, ist es Bürgermeister Wolfgang Henseler in Abstimmung mit der Belegschaft gelungen, ,eine Unternehmerfamilie aus der Getränkebranche' für den Brunnen zu interessieren. ... In Gesprächen zwischen Investor, Brunnen und Stadt sei schließlich ein tragfähiges Konzept für den Neubeginn entstanden." Bei dem neuen Eigentümer des Brunnen handelt es sich um den Kölner Getränkegroßhändler Heinz Boecken. Er plant, Förderung und Vertrieb des Mineralwassers zu modernisieren und auszubauen.

Das vorzeitig verkündete Ende von 2000 Jahren rheinischer Wasser-Geschichte ist damit noch nicht gekommen, der Roisdorfer Brunnen hat, wie schon mehrmals in seiner Vergangenheit, seine Existenzkrise gemeistert und die Chance zu neuer Blüte erhalten.

Bürohaus des Roisdorfer Brunnens 2008

Der Ort Roisdorf wäre ohne seinen Mineralbrunnen aber auch ganz undenkbar. Kein anderer Faktor hat die Entwicklung unseres Heimatorts in den vergangenen beiden Jahrtausenden so entscheidend geprägt wie er, ohne ihn gäbe es diesen Ort wohl gar nicht – und selbst wenn, ohne ihn hieße er wohl ganz anders. Die Bedeutung des Brunnens für Roisdorf ist damit gar nicht zu überschätzen.

Diese Bedeutung darzustellen, ist Sinn und Zweck dieses Abrisses der Geschichte des Mineralbrunnens. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt - bedingt durch die Verfügbarkeit der historischen Quellen - auf dem 19. Jahrhundert, der Glanzzeit des Brunnens, die vielleicht aber auch Anregungen für künftige Nutzungen bieten kann.

Der Sauerbrunnen der Alfterer Grafen

Schloss Alfter

Während heute der Ort Roisdorf Teil der Stadt Bornheim ist – in der Zeit der Französischen Besatzung um 1800 wurde er der damaligen Bürgermeisterei Waldorf zugeschlagen, aus der sich besagte Stadt Bornheim entwickelte – so gehörte er seit dem späten Mittelalter zur sog. Herrlichkeit Alfter, die neben dem Ort Alfter auch Olsdorf, Birrekoven, zeitweise auch Endenich und Metternich umfasste, und die von den Grafen zu Salm-Reifferscheidt, residierend auf Schloß Dyck am Niederrhein regiert wurde. In unserem Zusammenhang ist vor allem wichtig, dass die ersten urkundlichen Nachrichten über den Roisdorfer Mineralbrunnen diesen als im Besitz der Alfter Grafen befindlich bezeichnen.

Graf Werner von Salm-Reifferscheidt-Dyck

So zählte nach einer Urkunde von 1445 der „sure Born“ zu den Gütern des Grafen Johann VI. von Salm, die er mitsamt der Herrlichkeit Alfter 1435 durch Heirat mit der Erbtochter Maria von Wevelinghoven zu Alfter erworben hatte. Als „sauer“, also mineralstoffreich, war der Brunnen mithin bereits damals bekannt. Auf seine Bedeutung weist hin, dass „Born“ als Bestandteil einer Reihe von Flurnamen des 15. bis 17. Jahrhunderts verwendet wird. So werden 1422 die „Bornflachten“, also Acker- oder Weinbergflächen in der Nähe des Brunnens, erwähnt, 1529 erstmals die „Borngasse“, also die bis heute im Volksmund als „Buenjass“ bezeichnete Brunnenstraße, 1653 ein „Burnenbruch“, nasses Land in der Nähe des Brunnens, dann 1672 die „Bornhüllen“, also der vom Brunnen aus nach Alfter führende Hohlweg, vgl. die heutige „Brunnenhöhle“.

Johann VIII. von Salm soll sich gemeinsam mit seiner Frau Anna von Hoya im Jahre 1513 um die Anlagen der Quelle verdient gemacht haben. Was genau hierunter zu verstehen ist, bleibt unklar. Es blieb wohl bei lediglich lokaler Nutzung: So wurde der Hof der Grafen Mitte des 17. Jahrhunderts mit Roisdorfer Wasser als Tafelwasser beliefert. Dass sich die Roisdorfer Bevölkerung stets am „Buen“ ihr hochwertiges Trinkwasser holte, ist durchaus anzunehmen.

Landschaft und Geologie

"Mineralwasserstrom" unter der Kölner Bucht

Wie kommt es nun dazu, dass hier in Roisdorf eine solch hochwertige Quelle zu finden ist? Man spricht von einem „Mineralwasserstrom“, der unter dem Rheintal fließt. Die Mineralisierung des Grundwassers der Niederterrasse zwischen Bad Honnef und Roisdorf ist dabei durch eine tektonische Störungszone bedingt, die mineralischen Lösungen den durch Vulkanismus verursachten Aufstieg ermöglicht. Der Vulkanismus setzt Gase frei, die durch Klüfte und Verwerfungen an Erdoberfläche gelangen. Hierbei kommen sie mit Grundwasser in Berührung und werden z.T. in diesem gelöst. Das Wasser löst nun seinerseits Stoffe aus seiner Umgebung heraus. So angereichert, tritt es als Quelle an die Oberfläche.

Blick in den Brunnenschacht

Die Roisdorfer Quellen treten im Schnittpunkt zweier geologischer Verwerfungen aus, an der geländemäßig tiefsten Stelle des ganzen Gebiets in einer Höhe von 52-55 m über NN, zwischen dem Hangfuß des Vorgebirges und dem Westufer des alten, verlandeten Rheinarms, der sog. "Gumme".

Neben der klassischen sog. „Trinkquelle“, aus der ca. zwei Kubikmeter Wasser pro Stunde austreten, gibt es noch den etwa gleichstarken sog. „Stahlbrunnen“, der jedoch nicht wirtschaftlich genutzt wird. Weitere Quellen wurden erst im Laufe der Zeit in der Nähe erbohrt.

Der Brunnen in Römerzeit und Frühmittelalter

Münzfunde aus dem Brunnenschacht

Offenbar kannte und schätzte man diesen Brunnen bereits in römischer Zeit. Was zunächst nur Vermutung war, bestätigte sich in in den 1830er Jahren, als man im Brunnenschacht erstmals römerzeitliche Münzen und Keramik fand, die man Weihegaben und als Opferschalen deutete. Umfangreiche Funde ergaben sich 1932, als man die Brunnensohle vertiefte und 6,40 m unter dem Hofniveau neben Holzresten früherer Fassungen und Keramikscherben eine Menge alter Münzen entdeckte, dazu bronzene Finger- und Ohrringe sowie bunte Glasflussperlen. Insgesamt waren es 664 Münzen: 1 römischer Silberdenar, 661 römische Bronze- und Messingmünzen, 2 angelsächsische Münzen. 1962 wurden nochmals Hunderte von Münzen geborgen. Die Datierung der Münzen lässt vorsichtige Rückschlüsse auf die Zeiten der Nutzung der Quellen zu. So wurde als älteste eine Münze des Kaisers Domitian (81-96 n.Chr. regierend) gefunden, ebenso eine Münze seines Nachfolgers Trajan (98-117 n.Chr.).

Gegen Ende des 1. Jahrhunderts n.Chr. scheinen also erstmals Münzen in den Brunnenschacht geworfen worden sein, von Menschen, die für die Heilkraft des Wassers Nymphen oder andere Quellgottheiten verantwortlich machten und diese durch ihr Opfer günstig zu stimmen versuchten. Um welche Gottheiten es sich dabei handelte, ist unbekannt, entsprechende Weihesteine, wie an anderen Quellorten, wurden nicht gefunden.

nachrömische Brunnenfunde

Die Datierung der römerzeitlichen Münzen, meist kleine Werte, gibt Auskunft darüber, zu welchen Zeiten die Quelle besonders frequentiert wurde. Besonders zahlreich sind die Münzen der konstantinischen Zeit zu Beginn des 4. Jahrhunderts. Aber auch nachrömische Münzen, vereinzelt bis ins 8. Jahrhundert, sind zu finden und zeugen von Nutzung und Wertschätzung. Die bunten Perlen dürften von einer Angehörigen der eingewanderten fränkischen Bevölkerung der Merowingerzeit in den Brunnen geworfen worden sein - falls ihr nicht die Kette beim Schöpfen des Brunnenwassers unabsichtlich riss.

Ob man das Wasser damals nur schöpfte und trank, oder ob man auch – wie dies etwa für Merten angenommen wird – im Quellwasser badete, ist nicht bekannt. Immerhin scheint es bei der Roisdorfer Quelle auch Gebäude gegeben zu haben. So will man hier im 19. Jahrhundert römische Fundamente, darunter die eines 150 Fuß (also ca. 50 m) langen und 50 Fuß (also ca. 16 m) breiten Gebäudes, beobachtet haben, in das von der Höhe des Berges hinunter eine unterirdische Wasserleitung führte. Ein stattliches Gebäude also, das durchaus Badezwecken gedient haben könnte.

Rudizo und seine Leute gründen Roisdorf

Auch wenn sich in der Nähe des Brunnens römerzeitliche Gebäude befunden zu haben scheinen, so ist doch ungewiss, ob diese als Teile einer Ansiedlung in dieser Zeit zu werten sind, ob es gar eine Kontinuität der Besiedlung vom der Spätantike zum Frühmittelalter gab. Der Name Roisdorf wird von Heimatforscher Horst Bursch als Anzeichen für eine solche Kontinuität gewertet, leitet er doch das „Rois“ von „russeus“ ab, was soviel wie „rostrot“ bedeutet. „Ad fontem russeam“ – zum rostroten, weil eisenhaltigen, Brunnen – könnte die Siedlung geheißen haben, die sich am Brunnenplatz befand. Andere Deutungen sehen in der Silbe „Rois“ indes den Namen eines fränkischen Neusiedlers namens „Rudo“ oder „Rudizo“, aus dessen Hof sich Roisdorf entwickelte. Letztlich sind dies alles gelehrte Spekulationen, muss die Frage nach einer römisch-fränkischen Kontinuität Roisdorfs offen bleiben.

Weder archäologische Funde noch Schriftquellen geben Auskunft über die Roisdorfer Mineralquelle in der langen Zeit zwischen dem 8. und dem 15. Jahrhundert, ab dem dann die Nutzung durch die Alfterer Grafen und wohl auch durch die Roisdorfer Bevölkerung bezeugt ist.

Die "Entdeckung" des Mineralbrunnens

Schloss Dyck am Niederrhein

Die große Stunde des Roisdorfer Brunnens schlug erst sehr viel später, gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Es war dies eine Zeit, in der sich Mineralwasser als Heilmittel sich einer zunehmenden Wertschätzung erfreute, in der die Fürsten des Reichs, auf deren Territorien sich Mineralquellen befanden, einander im Ausbau von Kurorten und im Aufbau des lukrativen Versands des Wassers überboten.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts konnte der Brunnen zu Niederselters an der Lahn, auf dem Gebiet des Kurfürstentums Trier gelegen, als der weithin bedeutendste und umsatzstärkste gelten. Unweit von Niederselters, aber auf dem Territorium von Nassau-Oranien, lag der ergiebige Sauerbrunnen von Fachingen. Großen Ruf genoss auch der im Fürstbistum Lüttich befindliche Mineralbrunnen von Spa. Kurköln, in dem Roisdorf gelegen war, konnte dem nur wenig entgegen setzen. Kurfürst Clemens August hatte trotz aller Bemühungen mit dem Tönissteiner Brunnen als Regiebetrieb wenig Erfolg und auch der Godesberger Draitschbrunnen kam nicht recht in Schwung.

Franz Wilhelm Kauhlen

Der „Entdecker“ des Roisdorfer Brunnens war ein Medizinstudent der königlich-brandenburgischen Universität zu Duisburg: Franz Wilhelm Kauhlen, Sohn einer großbäuerlichen Familie, aus Hemmerden nahe Schloss Dyck, also der Residenz der Alfterer Grafen am Niederrhein, stammend. Er promovierte im Jahre 1774 über die Roisdorfer Mineralquelle: Dissertatio inauguralis medica in qua propositum examen fontis Mineralis Soterii Roisdorffiensis prope Bonnam, lautete der Titel seiner Schrift, in der er die Quelle mineralogisch untersuchte, Vorzüge und gesundheitlichen Wert des Roisdorfer Wassers pries, es gar auf eine Stufe mit dem aus Niederselters setzte.

Ein geschickt vermarkteter heilkräftiger Brunnen konnte, wie man an Selters, Fachingen oder Spa sah, erheblichen Gewinn abwerfen. War das Roisdorfer Wasser in seiner Qualität mit den berühmten Wässern vergleichbar, so hatte die Quelle durch ihre Lage unweit des Rheins diesen gegenüber einen bedeutenden Standortvorteil. Nicht nur war die kurkölnische Residenzstadt Bonn nahe gelegen, sondern versprach vor allem die Nähe von Köln, dem Niederrhein und Holland eine erfolgreichen Absatz. Der Versand dorthin per Schiff ab dem Herseler Hafen musste leicht zu bewerkstelligen sein. Ernst Wilhelm Schnichels, Notar und Rentmeister auf Schloss Dyck, witterte sofort ein gutes Geschäft - vielleicht war er es auch gewesen, der Kauhlen auf die Idee gebracht hatte, die gesundheitsfördernden Eigenschaften des Roisdorfer Brunnens wissenschaftlich nachzuweisen. Er machte jedenfalls den Alfterer Altgrafen, Johann Franz Wilhelm zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, auf die Ergebnisse der Dissertation Kauhlens aufmerksam und schlug ihm die Verpachtung des Brunnens vor. Der Altgraf ging hierauf umgehend ein.

erstes Kontorhaus des Brunnens

Kapitalkräftige Interessenten für die Verpachtung waren schnell gefunden. Der Vogtverwalter Püllen und der Lehnsschöffe Knappertz, offenbar Verwandte Kauhlens aus dessen niederrheinischer Heimat, pachteten den Brunnen auf zwölf Jahre an – unentgeltlich, doch hatten sie dafür alle Investitionen für die Einrichtung des Brunnenbetriebs selbst zu tragen.

Püllen und Knappertz gingen umgehend ans Werk. Sie ließen die Quelle mit einer Einfassung aus Trachyt-Hausteinen versehen. Spätestens damals dürfte das schöne, mit einem modischen Mansardendach versehene Haus entstanden sein, in dem der Brunnenbetrieb organisiert wurde. Dieses Haus steht noch heute, allerdings nicht mehr am Brunnen, sondern, hierauf kommen wir noch zurück, in der Roisdorfer Siegesstraße, Ecke Heilgersstraße, wohin es transloziert werden sollte. Es diente nicht nur als Wohnung und Kontor des Brunnenverwalters, sondern auch als Gastwirtschaft.

Vorwürfe der Markenpiraterie

Mineralwasserkrüge des 18. Jahrhunderts

Ab dem 1. Januar 1775 begann man also mit der Abfüllung und dem Vertrieb des Brunnenwassers, kritisch beäugt von den etablierten Brunnen in Niederselters und Fachingen, wo man eine neue kurkölnische Konkurrenz befürchtete. Die für den Versand erforderlichen Steinzeugflaschen bzw. -krüge bezogen die Roisdorfer Pächter aus dem Westerwald, was natürlich weder Kurtrier noch die Oranien-Nassauische gern sah. Noch im Januar 1775 gab es von dieser Seite die ersten Beschwerden. Die Landesregierung von Oranien-Nassau, also die Betreiberin des Fachinger Brunnens, forderte den Alfterer Grafen auf, "zu unterbinden, dass am Sauerbrunnen zu Rostorff eine Quantität Krüge mit Wasser gefüllt und versandt worden sind, die größtenteils das Zeichen der Nassauischen Krüge ... teils auch des Selters Wassers tragen sollen." Man unterstellte also das, was wir heute als „Markenpiraterie“ kennen: Eine renommierte Marke wird, benutzt, um ein unbekanntes und möglicherweise minderwertiges Produkt aufzuwerten und zu vermarkten. Gerade im Bereich des Mineralwasserversands war solches damals gängige Praxis. Der Roisdorfer Pächter Püllen verwahrte sich natürlich umgehend gegen solche Anschuldigungen. Es sollte aber beileibe nicht das letzte mal sein, dass im Zusammenhang mit dem Roisdorfer Brunnen der Vorwurf laut wurde, man versuche, das Wasser als Fachinger oder Selters zu verkaufen.

Krugstempel, links Roisdorf, rechts Selters

Und diese Vorwürfe bestanden sogar zu recht. Tatsächlich waren die Krugstempel, insbesondere, wenn sie (absichtlich?) etwas ungenau aufgedruckt waren, einander zum Verwechseln ähnlich. Um das CSR (für Comes/ Graf Salm-Reifferscheidt/ Roisdorf) herum waren im Kreis die Großbuchstaben S A L F T E R (für Sauerbrunnen Alfter) angeordnet, in gleicher wie die Buchstaben S E L T E R S um CT und ein Kreuz (für Churtrier). Es wurde daher den Roisdorfern zur Auflage gemacht, um den Stempel einen braunen, und nicht, wie bei Selters, einen blauen Ring aufmalen zu lassen. Viel half das alles nicht: wenn der Roisdorfer Brunnen in der Fachliteratur behandelt wird, so fast ausschließlich wegen der fortgesetzten Markenpiraterie.

Eine Übersicht über die Roisdorfer Mineralwasserkrüge und ihre Stempel finden Sie unter

http://www.mineralwasserkruege.homepage.t-online.de/

"Ein neues Spa zu Rostorff"

Ludwig van Beethoven in seiner Bonner Zeit

Als Versandbrunnen hatte der Roisdorfer Brunnen auf jeden Fall Erfolg – so gedieh der Versand vor allem in Richtung Niederrhein und Holland und von aus nach England und Übersee, in östlicher Richtung nach Russland prächtig. Roisdorfer Wasser war neben dem Rotwein und den Rebensetzlingen des Vorgebirges ein florierender Exportartikel.

Daneben gab es aber auch bereits Kurbetrieb. Der Roisdorfer Sauerbrunnen entwickelte er sich zu einem beliebten Ausflugsziel der Bonner und Kölner Bevölkerung, die das Wasser an der Quelle selbst genießen wollte. So ist z.B. auch für die Familie des Sängers am Kurkölnischen Hof Johann van Beethoven bezeugt, dass sie gerne Sonntags Ausflüge in die Umgebung der Residenzstadt Bonn unternahm, unter anderem auch zum Sauerbrunnen nach Roisdorf, so dass man davon ausgehen kann, dass auch sein Sohn Ludwig van Beethoven bereits in seiner Kindheit hier weilte. Für die Gäste spielte er einige Jahre später wohl im gräflichen Weinhaus „Auf dem Sande“ auf, das am Ende der Brunnenallee, an der Stelle des späteren Bahnhofs gelegen war. Der Flügel, auf dem er gespielt hatte, wurde jedenfalls in der Bahnhofswirtschaft noch lange gezeigt.

Kurfürst Max Franz von Habsburg-Lothringen

Dr. Franz Wilhelm Kaulen, der die Heilkraft des Brunnens erwiesen hatte, machte unterdessen Karriere. Er wurde Professor der Medizin an der neu gegründeten kurfürstlichen Akademie bzw. Universität zu Bonn und kurkölnischer Hofrat. Der neue Kölner Kurfürst Max Franz von Habsburg-Lothringen schien anfangs indes seine Karriere nicht weiter befördern zu wollen. Eine gute Gelegenheit, sich des landesherrlichen Wohlwollens zu versichern, war für Kauhlen daher 1787 dessen Auftrag, ein weiteres Gutachten über das Roisdorfer Heilwasser, und über die von den Pächtern errichteten Brunnenanlagen zu erstellen.

Kurfürst Max Franz nämlich, überaus schwergewichtig und gleichzeitig auf seine Gesundheit bedacht, liebte das Kur- und Badeleben, das er aus seiner Wiener Heimat aber auch aus Mergentheim an der Tauber, seiner Residenz als Hochmeister des Deutschen Ordens, kannte. Kauhlen sollte nun erkunden, ob sich Roisdorf als kurkölnisches Kurbad in der Nähe der Residenz Bonn ausbauen ließe. Der Ort schien hierfür wie geschaffen zu sein: Wein- und Obstanbau, mildes Klima durch waldbestandene Hänge und morgendliche Erwärmung des Hangs, günstige Verkehrslage nahe des Rheins und der befestigten Rheintalstraße.

Godesberger Redoute

Kauhlen ging sofort ans Werk und begab sich nach Roisdorf, um die Dinge vor Ort nochmals genauer in Augenschein zu nehmen. Leutselig erzählte er dort dem gräflichen Jäger Heinrich Trapp von den Absichten des Kurfürsten. Trapp allerdings hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als diese der Alfterer Altgräfin zu hinterbringen. Er führte ihr eindringlich die Gefahr vor Augen, dass der Kurfürst ihr den Brunnen streitig machen und „ein neues Spa zu Rostorff anfangen“ könne. Umgehend beauftragte die Altgräfin Juristen mit der Erstellung eines Gutachtens über die keineswegs leicht zu beantwortende Frage, wem denn das Recht auf den Mineralbrunnen zustehe: Den Alfterer Grafen als Grundeigentümern oder dem Kurfürsten als Landesherren.

Kurfürst Max Franz ließ es aber gar nicht erst zu einer juristischen Kraftprobe mit der Alfterer Altgräfin kommen. In Godesberg trat Mineralwasser ja auf unmittelbar landesherrlichem Grund aus. Hier hatte bereits Kurfürst Clemens August eine Mineralwasserförderung versucht. Max Franz erwarb nun ein benachbartes Grundstück und ließ dort durch seinen Baumeister Michael Leydel aus Poppelsdorf einen Kursaal errichten, die heute noch prächtig wirkende Anlage der Redoute. Damit war die erste Chance für Roisdorf, ein wirkliches Kurbad zu werden, vertan. Der Jäger Trapp immerhin hatte einen Gewinn aus der ganzen Angelegenheit: Er wurde zum Jäger in der gräflichen Residenz Schloss Dyck befördert.

Der Ausbau der Brunnenanlagen, der in diesen Jahren vorgenommen wurde, beschränkte sich darauf, dass Altgraf Johann Franz Wilhelm einen hölzernen Tempel über die in ihrer Fassung abermals erneuerte Quelle setzen ließ. Seit 1793 ist die Brunnenallee als gräflicher Privatweg mit hohen Schwarzpappeln in Pyramidenform, die den Brunnen mit der Bonner Straße verband, bezeugt.

Brunnen in der Franzosenzeit 1794-1813

Französische Revolutionstruppen auf dem Bonner Marktplatz

Mit dem Einrücken der französischen Revolutionstruppen Anfang Oktober 1794 endete die kurfürstliche Zeit für Roisdorf. Es wurde der Mairie (Bürgermeisterei) Waldorf zugeschlagen und war damit von Alfter abgetrennt, das nun keine Herrrlichkeit mehr, sondern ein einfacher Ort der Mairie d’Oedekoven war.

Der Roisdorfer Brunnen galt indes weiterhin als Eigentum der Grafen von Salm-Reifferscheidt. Er war 1787, d.h. nach dem Auslaufen der zwölfjährigen Brunnenpacht von Püllen und Knapperz, an einen Kölner Kaufmann namens Franz Jakob Mühlens verpachtet worden, der auch das Alfterer Schloss angemietet hatte und nun von dort aus den Abfüllbetrieb und den Wasserversand verwaltete. Der Name Mühlens verrät, dass wir es hier mit einem Angehörigen der Familie zu tun haben, die mit der Produktion von Kölnisch Wasser unter der Marke „4711“ weltberühmt werden sollte.

Krugtöpferei des Franz Mühlens in der Brunnenstraße

Infolge der kriegerischen Ereignisse blieb der Wasserversand für Jahre eingeschränkt. Einen besonderen Einschnitt brachte für Roisdorf wie auch für die anderen linksrheinischen Mineralquellen die Kontinentalsperre des Jahres 1798 mit sich. Die erforderlichen Mineralwasserkrüge waren nun nicht mehr aus dem rechtsrheinischen und damit jenseits der neuen staatlichen Grenzen gelegenen Westerwald zu beschaffen.

Franz Mühlens ließ daher unweit der Quelle eine Töpferei samt Krugofen errichten und holte zwei Töpferfamilien aus dem Kannenbäcker Land und aus Stuttgart herbei, die als Fachkräfte die Anfertigung der Krüge bewerkstelligen sollten. Beim Abriss des langgestreckten Fachwerkhauses in der Brunnenstraße, in dessen Drehsaal man in preußischer Zeit als erste Roisdorfer Dorfschule einrichten sollte, fand man noch im 20. Jahrhundert große Mengen von Krugscherben, die von der ehemaligen Nutzung des Gebäudes zeugten.

Roisdorf in der Franzosenzeit nach der Karte von Tranchot

Eine Episode aus der auch für die Roisdorfer Bevölkerung beschwerlichen und entbehrungsreichen Zeit der Napoleonischen Kriegen überliefert der Roisdorfer Ortsvorsteher Wilhelm Rech in seiner zu Beginn des Beginn des 20. Jahrhunderts verfassten Ortschronik:

Zur Zeit der Franzosenherrschaft hier, wurden die junge Leute ausgelost. Den dann das Los traf, musste Soldat werden. So traf auch das Los einen jungen Mann von hier, namens Pütz. Dieser wurde französischer Soldat, und hat nicht weniger wie neuen Jahre, bei den Franzosen gedient. Während dieser Zeit hat er mit den Franzosen den Feldzug nach Spanien mitgemacht. Bei einer Gelegenheit waren sie in Spanien in eine Stadt ins Quartier gekommen - den Namen der Stadt weiß ich leider nicht mehr. Auf einem Spaziergang über die Straße sah Pütz in einem Schaufenster einen Krug mit Roisdorfer Mineralwasser stehen. Da bekam ich aber Heimweh, hat er gesagt, und ich hätte mir den Krug kaufen müssen, und wenn derselbe ein Krontaler kostet. Pütz hat sich ein Krug seines heimatlichen Wassers gekauft, und getrunken, und das Heimweh war weg.

Paris wurde nun zu einem wichtigen Absatzmarkt. Hier fand das Roisdorfer Wasser insbesondere in den Jahren 1810 bis 1812, wie berichtet wird, großen Beifall.

Der Brunnen in der frühen Preußenzeit 1813-1826

Krugstempel des Pächters Franz Faulenbach

nsgesamt wertete man jedoch später Franzosenzeit als eine Zeit, in der die Quelle in Unstand geriet. Es sei bei der Verwaltung nicht die gehörige Sorgfalt auf denselben verwendet worden, auch habe es an merkantilem Geist gefehlt. Einen Aufschwung nahm sie erst wieder unter preußischer Herrschaft, als Roisdorf mitsamt der Bürgermeisterei Waldorf Teil des Großherzogtums Niederrhein wurde, welches man 1822 mit der nördlich gelegenen Provinz Jülich-Kleve-Berg zur Rheinprovinz vereinigte. Der Kölner Kaufmann Friedrich Faulenbach pachtete neben zwei benachbarten Quellen 1824 den Roisdorfer Brunnen vom nunmehr nicht mehr Grafen, sondern (seit 1816) Fürsten Josef zu Salm-Reifferscheidt.

Mit dem neuen Erfolg kam es gleich wieder zu Markenstreitigkeiten. Der Krugstempel S A L F T E R S (Salm Alfter Sauerbrunnen) ringsum GHN (Großherzogtum Niederrhein) bot wiederum eine Verwechslungsmöglichkeit mit Selterswasser. Man ersetzte schließlich das GHN durch das Wappen der Fürsten von Salm-Reifferscheidt und Faulenbach fügte seine Initialen hinzu.

Gutachten von Gustav Bischof von 1826

Faulenbach veranlasste eine erneute eingehende physikalische und chemische Analyse des Quellwassers durch Dr. Gustav Bischof, die 1826 zu Bonn im Druck erschien. Dieser erklärte, dass "sich aus allen, theils chemischen, theils medicinischen Erfahrungen das so sehr wichtige Resultat herausstellt, dass die Roisdorfer Trinkquelle mit vollem Recht unter die vorzüglichsten Mineralwässer Deutschlands zu zählen sey, und in ihren Eigenschaften und Wirkungen am allernächsten dem berühmten Selterser Wasser komme." Ausführlich widmet er sich der lieblichen Lage von Roisdorf und dessen Umgebungen, seiner Meinung nach "zu den freundlichsten und angenehmsten im Rheinthale" gehören.

Ansicht des Roisdorfer Brunnens nach Bischof 1826

Diese hohe Meinung des Dr. Bischof wurde indes von der Konkurrenz alles andere als geteilt. Der Nassauische Generaldomänendirektor Ludwig Christian von Rößler, der den Brunnen 1830 besuchte, ereiferte sich nicht nur über die vom Roisdorfer Brunnen betriebene angebliche Markenpiraterie: „Das Alfterer Wasser klebt im Munde und hat einen nussartigen Beigeschmack. Nur wer das Selterser Wasser nicht kennt, kann sich täuschen lassen. ... Die Umgebung des Brunnens verrät keinen Reichtum: in der Stube des Verwalters stößt man mit dem Hut an die Decke des Zimmers. Die Nebengebäude sind verhältnismäßig schlecht ...“

Wie dem auch sei – das den Roisdorfer Brunnen preisende Gutachten von Bischof gibt erstmals einen bildlichen Eindruck vom Brunnen und seiner romantisch-ländlichen Umgebung, enthielt es doch eine stimmungsvolle Darstellung des Mineralbrunnens als Kupferstich, die sich mit mit einer etwa zeitgleichen Aquatinta-Fassung vergleichen lässt.

Ansicht des Brunnens, ca. 1824

Beide Ansichten sind von der Brunnenallee aus zu sehen, d.h. also die Brunnenstraße liegt hinter den dargestellten Gebäuden. Erkennbar ist das bereits gezeigte Brunnenhaus mit seinem markanten Mansardendach. Gemäß der von Bischof mitgelieferten Beschreibung war die Haupt- oder Trinkquelle mit einem hölzernen Dach bedeckt, das auf vier Säulen ruhte. Der Abfluss der Quelle, das ist auf den Bildern nicht zu sehen, war von Faulenbach tiefer gelegt worden, und zu beiden Seiten der hölzernen Quellfassung führten Treppen zwecks des bequemeren Füllens der Krüge hinab. „Zu beiden Seiten der Quelle sind Magazine, welche durch Gitter und durch eine große Flügeltüre verbunden sind, so dass der Brunnen ringsum verschlossen ist. Von außen führt eine steinerne Treppe in den Brunnenraum, dessen Boden im vorigen Jahre mit neuen eichenen Dielen gezimmert ist. Seitwärts liegt das Brunnenhaus mit Stallung und Nebengebäude. Der Aufseher des Brunnens wohnt in diesem Brunnenhaus und hat daselbst eine Wirthschaft und einige Zimmer zur Aufnahme von Kurgästen eingerichtet. Unmittelbar an den Brunnen stoßen einige dazu gehörige Wiesen und Obstgärten, die einen angenehmen Aufenthalt und Erfrischungen für den Kurgast darbieten. ...“Ansicht des Brunnens als Aquatinta von ca. 1824

Dr. Bischof preist auch die besondere Sorgfalt, die man auf das Befüllen der Krüge verwandte. Demnach in erfolgte in Roisdorf noch nicht, wie in Selters oder Fachingen, die Benutzung eines Füllkorbes. Die hier gezeigten Illustrationen der Mineralwasserproduktion zeigen nicht die Roisdorfer, sondern die Quelle zu Niederselters. Ähnlich dürfte man sich aber auch die Roisdorfer Verhältnisse dieser Zeit vorzustellen haben.

Weiter zu Teil 2: Kurbad Roisdorf