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Roisdorfs "wasserreiche Flur"

Vom "Alten Weiher" und anderen Roisdorfer Gewässern

Erzbischof Anno II. von Köln

Es geschah um das Jahr 1180. „Bei dem Dorf, das Bornheim genannt wird, wohnte ein Mann namens Konrad mit seiner Frau die Gertrud hieß. Sie hatten eine Tochter, die den Namen der Mutter trug. Dieses Mädchen fiel aus Unachtsamkeit der Eltern ins Wasser, ohne dass jemand dabei gewesen wäre oder es bemerkt hätte. So lange lag sie unter Wasser, bis die Ertrunkene an die Wasseroberfläche kam und der Leib mit den Kleidern auf den Wellen trieb. Als endlich die kleine Leiche gefunden und aus dem Weiher herausgezogen worden war, ward sie steif wie ein Stein erfunden.“ Man richtete das Begräbnis aus. „Doch siehe, als es an der Zeit war, die Bahre aufzuheben, erhoben die Eltern mit großem Wehklagen und frommem Glauben ihre Stimme. Sie richteten Hände und Augen gegen Himmel und riefen: ‚Heiliger Anno, hilf uns durch deine großen Verdienste, dass wir unsere Tochter wieder erhalten!’ Als sie das wiederholt ausriefen, begann plötzlich, um allen die Verdienste Annos zu offenbaren, das auf der Bahre liegende Mädchen sich zu bewegen, nachdem seine Seele zurückgekehrt war, und nach einer Weile stand es wiederbelebt und gesund auf.“

"Möllebaach" - Roisdorf-Bornehimer Bach, 2011

Die glücklichen Eltern, aber auch Ritter und Vornehme, die bei den Exequien anwesend waren, erzählten von diesem Wunder den Mönchen, die damals die Heiligsprechung des Erzbischofs Anno II. von Köln als des Gründers ihres Klosters betrieben. Von einem „lacus“, einem Weiher zu Bornheim, ist in hierbei die Rede. Es liegt nahe, hierbei an den ausgedehnten „Alten Weiher“ zwischen Roisdorf und Bornheim zu denken. Von diesem existieren in der mündlichen Überlieferung bis heute Berichte über Kinder, die dort verunglückten. Mit Geschichten von dem schaurigen „Iepenkrätzer“ sowie den unheimlichen „Drüschleedern“ (Irrlichtern) versuchte man noch im 20. Jahrhundert, die Kinder vor dem Ertrinken im Alten Weiher und den übrigen Teichen und Sumpfgebieten zu warnen.

Brunnenweiher um 1900

Es lässt sich heute kaum mehr ermessen, in welch starkem Maße der Roisdorf in früheren Zeiten von seinen Gewässern bestimmt war: Als schmales und lang gezogenes Straßendorf – die heutige Brunnenstraße – nutzte es seit jeher den schmalen Streifen zwischen dem fruchtbaren Hangbereich des Vorgebirges und dem ausgedehnten Sumpf- und Weihergelände, das parallel hierzu im Osten verlief – ein Gelände, das der Siedlung einen natürlichen Schutz vor allerhand anrückenden Feinden gewährte. Hier war es nicht erforderlich, wie in Nachbardörfern, schützende „Landgräben“ anzulegen. Gleichwohl war das Sumpfgebiet für die Roisdorfer auch in friedlichen Zeiten von Nutzen, konnte man doch hier nicht nur Fischfang betreiben, sondern auch im Herbst Schilf schneiden, um es in die Ställe zu verbringen und das Vieh hiermit zu wärmen. In Notzeiten konnte das saure Schilf gar – wie die Chronik des Ortsvorstehers Wilhelm Rech überliefert – anstelle von Heu der Viehfütterung dienen.

Tranchotkarte mit Einzeichnung der Roisdorfer Wasser- und Sumpfgebiete

Bei dem Roisdorfer Sumpfgelände handelte es sich um eine Abfolge von mehr oder weniger offenen Gewässern sowie nassen Niederungen, durchflossen von dem von Alfter kommenden Bach, der in Roidorf „Möllebaach“ genannt wurde, da er in Alfter die gräfliche Mühle betrieb - amtlich führt er heute den phantasielosen Namen "Roisdorf-Bornheimer Bach". Mit „P“ wie „palus“ = Sumpf ist das Gelände auf der ersten maßstäblichen Karte der Zeit nach 1800 gut auszumachen. Geläufig sind immer noch als auf das sumpfige Gelände verweisende Flur- und Straßennamen „Im Benden“ oder „Bendenweg“ und „Pützweide“. Als letzte erhaltene Reste können der Weiher des Roisdorfer Brunnenparks sowie ein Teich vor der Wolfsburg gelten. Manch älterer Roisdorfer wird sich noch an das wilde sog. „Lüüsch“ erinnern, ein Bereich halbverlandeter und zugewachsener Tümpel, der sich von der Wolfsburg am Clarenhof vorbei bis nahe an die Siegesstraße hinzog. Mit der alljährlichen Wanderung der Kröten des "Lüüschs" über das benachbarte Siefenfeldchen und mit den allabendlichen lautstarken Krötenkonzerten war es indes in den 1960er Jahren vorbei, als man das Feuchtbiotop zugunsten der Anlage von Tennisplätzen mit Bauschutt und Erde verfüllte.

Verlauf der "Gumme"

Bei dem Roisdorfer Sumpfgelände, einschließlich des Roisdorf/Bornheimer Alten Weihers, handelte es sich um einen Teil der sog. „Gumme“, eines bereits in der Römerzeit weitgehend verlandeten Altarms des Rheins. Dieser begann mit 100-300 m Breite bei Bad Godesberg, verlief halbkreisförmig nach Westen und wendete sich bei Roisdorf nach Norden, bevor er bei Urfeld den heutigen Lauf des Rheins erreichte. Als Senke ist die Gumme in der Landschaft von Dransdorf bis Bornheim, weiter bis vor Sechtem und Widdig heute noch erkennbar. Bei Roisdorf stieß sie besonders hart an das Vorgebirge heran, so dass sie sich hier stark in das Erdreich eingraben und das besagte Weiher- und Sumpfgelände bilden konnte. Noch 1651 und 1784 soll bei starken Rheinhochwässern Roisdorf durch das Volllaufen der Gumme betroffen worden sein.

Karte des Bannbegangs von 1513 nach Norbert Zerlett

Die Ausdehnung des etwa 400 m langen Alten Weihers zwischen Roisdorf und Bornheim wird auf den alten Karten deutlich: Er begann unweit der Wolfsburg, die bis ins späte 19. Jahrhundert von eigenen Wassergräben geschützt war, füllte fast den ganzen Winkel zwischen der Bonn-Brühler Straße und Siefenfeldchen aus und reichte bis zum heutigen Bornheimer Schwimmbad. Diese seine Lage an bzw. auf der Grenze zwischen der alten Herrlichkeit Bornheim und der Herrlichkeit Alfter, zu der ja Roisdorf gehörte, gab Anlass zu einigen Streitigkeiten zwischen den Nachbarn und damit auch zu den frühesten Erwähnungen des Namens: Im Jahre 1513 leisteten sich die Alfterer massive Grenzverletzungen, als sie gemeinsam mit den Bornheimern den „Bannbegang“ vollzogen, also die gemeinsame Grenze zwecks deren Bestätigung abgingen, wovon die erhaltene Niederschrift von Elisabeth von Beissel-Gymnich, der Witwe des Bornheimer Burgherren Gerhard von Scheiffart von Merode, Kunde gibt. Damals zogen die Alfterer von dem Wegekreuz an der noch heute bestehenden spitzen Ecke Kartäuserstraße/ Bonner Straße ausgehend, nicht, wie zuvor üblich, südwärts um den „alden vyer“ herum, um dann den Vorgebirgshang bei der heutigen Wolfsschlucht zu erreichen. Sie vollzogen vielmehr eine Kehre nordwärts um den Weiher herum, tief in das Gebiet der Bornheimer Herrlichkeit hinein, und zogen den Vorgebirgshang einige hundert Meter weiter nördlich hinauf. Auf diese Weise verleibten sie den sog. „Lodenschorn“, eine fruchtbare, im Besitz des Alfterer Grafen befindliche Weinbergslage in die Alfterer Herrlichkeit ein. Dies setzte sich trotz der Bornheimer Proteste durch, so dass sich heutige Roisdorf/Bornheimer Grenze immer noch hiernach richtet. Auch der Alfterer Bericht über einen Bannbegang des Jahres 1596 erwähnt den „Alten Weyer“, samt dem „Gripenkoven“, also dem Ort des ehemaligen gleichnamigen Dörfchens, das, wohl von Wassergräben umgeben, in der Nähe der Wolfsburg gelegen war.

Roisdorf nach der Rheinverlaufskarte von Delkeskamp

War der Alte Weiher damals noch völlig naturbelassen, so änderte sich dies, nachdem Freiherr Johann Jakob von Walbott-Bassenheim-Bornheim im Jahre 1721 Eigentümer der Roisdorfer Wolfsburg geworden war. Dieser ließ im Jahre 1736 einen „newen Wassercanal“ ausheben und den nunmehr begradigten Möllebaach/Mirbach nordöstlich am Alten Weiher vorbeileiten. Der Alte Weiher, der mit dem Bach durch Stichkanäle und Rohleitungen verbunden blieb, erfuhr eine gründliche Umgestaltung: Er wurde durch Faschinen, Erd- und Steinwälle in eine Abfolge von fünf fast rechteckigen Weihern aufgeteilt, wobei der erste und größte Weiher an der Bonner Straße lag, der vierte nahe der Wolfsburg. Parallel zum zweiten Weiher lag das sog. „kleene Weiherche". Deutlich ist diese Anlage noch auf der Rheinverlaufskarte von Delkeskamp aus den 1840er Jahren erkennbar.

Zweck der aufwändigen Umgestaltung war die systematische Fischzucht: Vor allem Karpfen, Schleien und Rotaugen wurden im Alten Weiher gezüchtet, wobei das kleine Weiherchen der Vorzucht der Jungfische diente. Eingesetzte Hechte und Barsche sorgten als Raubfische für die Auslese der schwachen Fische. Nicht nur die Tafel der Familie Walbott-Bassenheim wurde mit den gefangenen Speisefischen bereichert, sondern auch ein lukrativer Handel auf den Märkten in Köln und Bonn betrieben. Aus Forstrechungen des Bornheimer Revierjägers Kinns der Jahre 1792 bis 1798 geht hervor, dass Fischgarn, Hebenetze und Angeln von dem Bornheimer Christian Meckenhäuser geliefert wurden. Für das Jahr 1792 wird dort berichtet, dass der Fang eines derart kapitalen Hechtes gelang, dass man ihn eigens mit einer Schiebekarre nach Köln „schörgen“ musste.

Alter Weiher, Anfang 20. Jahrhundert

Als im Jahre 1826 die Wolfsburg an den umtriebigen Bornheimer Bürgermeister und Pächter des Roisdorfer Mineralbrunnens Gerhard Freiherr von Carnap überging, der hier ein attraktives Ausflugslokal einrichtete, nahm die Bedeutung der Fischzucht im Alten Weiher ab. Von Carnap verpachtete den Weiher an Kölner Fischereiliebhaber. Die Pflege ließ indes bald, insbesondere nach dem Scheitern der hochgesteckten Kurortpläne von Carnaps in den 1840er Jahren nach, so dass der Weiher mehr und mehr in seinen natürlichen Urzustand zurückfiel.

Ein glücklicherweise erhaltenes Foto der Zeit um 1912 zeigt ihn mit Wolfsburg und Turm der Kirche St. Sebastian im Hintergrund sowie der mit Pflaumenbäumen bestandenen Allee des Siefenfeldchens von einem Standort im Bereich des heutigen Wohnzentrums Beethoven aus. Gemäß dem Bericht des Heimatforschers Norbert Zerlett spiegelten sich Ulmen an der Bonner Straße mit ihren gewaltigen Baumkronen im Gewässer, das von Kopfweiden, Dornensträuchern und Faulbaumgehölz umsäumt war und eine reiche Vogelwelt, etwa große Kolonien von Teichrohrsängern, aufwies. Neben den Rohrsängern belebten Teichhühner und Stockenten den Alten Weiher, auf dem sich bisweilen auch weitere seltene Wasservögel der nahen Parks oder der Siegmündung einfanden. Im Sommer diente der Weiher der Jugend als willkommene Badegelegenheit, im Winter als herrliche Schlittschuhbahn.

ehemaliges Gelände des Alten Weihers an der heutigen Haltestelle der Linie 18

Das Ende des Alten Weihers kam in den 1920er Jahren. Der Fischbestand schwand dahin, als die Lederwarenfabrik Gammersbach im Jahre 1924 ihre giftige Gerbereiabwässer in den Möllebaach/Mirbach und damit in den Weiher leitete. Fünf Jahre später verband man die Umstellung des „Feurigen Elias“, der Vorgebirgsbahn, auf Elektrobetrieb mit der Verlegung der Bahntrasse. Bis dahin war diese von Bornheim kommend, der Königsstraße/Bonner Straße bis zur Einmündung in die Roisdorfer Friedrichstraße gefolgt, um in die Brunnenallee einzubiegen und dann wieder in den Benden Richtung Alfter zu schwenken. Nun leitete man sie längs durch den Alten Weiher hindurch und an der Wolfsburg vorbei. Hierzu war im Bereich des Alten Weihers und um die Niederterrasse oberhalb des Bornheimer Siefenfeldchens zu erreichen, die Aufschüttung eines Bahndamms erforderlich. Der Alte Weiher wurde bei dieser Gelegenheit entwässert, lediglich ein etwa 20 m langer Teich blieb am Siefenfeldchen erhalten. Der von hohen Pappeln umsäumte kleine Teich, auf dem sogar ein Kahn schwamm, verschwand in den 1970er Jahren, als man dem Roisdorf-Bornheimer Bach, wie der Möllebaach im Amtsgebrauch heißt, ein neues Bett verlieh. Die hohen Pappeln, die neben einigen Trauerweiden als letzte Zeugnisse des Alten Weihers gelten konnten, wurden im Jahre 2004 bei der Einrichtung der Haltestelle der Linie 18 am Bornheimer Rathaus gefällt.

Straße "Alter Weiher" 2011

Von Roisdorfs „wasserreicher Flur“, wie sie in einem Gedicht des 19. Jahrhunderts bezeichnet wurde, ist demnach nicht viel geblieben, erst recht nichts von dem traditionsreichen „Alten Weiher“. Immerhin hält seit den 1980er Jahren eine nach ihm benannte Straße des Neubaugebiets zwischen Wolfsburg und Bonner Straße die Erinnerung an den Alten Weiher und die weiteren Sumpfgebiete wach, die das Leben der Roisdorfer und Bornheimer wohl bereits zu den Zeiten des hl. Anno von Köln wesentlich prägten.