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Der Bildhauer Jakobus Linden

Der Schöpfer des "Segnenden Christus" harrt der Wiederentdeckung

Das vergessene Ehrengrab des "Steinpoeten"

Das Grab Familie Linden auf dem Poppelsdorfer Friedhof

Man musste bis vor einigen Jahren schon genau hinschauen, um unter wild wucherndem Gestrüpp auf dem alten Poppelsdorfer Friedhof das städtische Ehrengrab Nr. 43 zu entdecken, in dem der Bildhauer Jakobus Linden und seine Frau Senta ruhen. Kaum auszumachen war unter Moos, Algen und Efeu eine Skulptur, bei der man auf den ersten Blick nicht erkennen konnte, was sie darstellen sollte. Immerhin war die Inschrift „Familie Linden“ noch zu entziffern.

Es ist der Initiative der Bonner Gesellschaft Schlaraffia e.V. zu danken, dass das Grab doch wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzt wurde: Mitglieder des Freundschaftsbundes konnten es nicht länger mit ansehen, dass sich die letzte Ruhestätte von Jakobus Linden, der ihnen unter dem passenden Ritternamen "Steinpoet" angehört hatte, derart unwürdig darbot.

Offenbar hatte sich über lange Jahre hinweg niemand um das Grab der Familie Linden gekümmert. Dabei war das Begräbnis von Jakobus Linden im Jahre 1950 noch allen Bonner Lokalzeitungen ausführliche Berichte wert. Man vermerkte, dass Kränze des Oberbürgermeisters, der Bonner Künstler, der Modellierklasse, der Madrigal-Vereinigung und der Schlaraffia zu sehen waren, dass es Ansprachen von Freunden und Kunstgefährten, wie etwa von Prof. Dr. Herm Dienz, dem Sprecher der Bonner Künstlerschaft, und von der Witwe Senta gab.

„Jakobus Linden ist heimgegangen“, teilte die Bonner Rundschau mit, „aber“, so heißt es weiter, „die schmerzliche Wehmut dieses Satzes wird tröstlich aufgehellt durch das Bewusstsein, dass er uns Bonnern und weit darüber hinaus unserer westdeutschen Heimat ein Werk hinterlassen hat, das unsere Generationen überleben wird.“

Linden bei der Arbeit an der Pietà, 1949

Bislang hat sich niemand bemüßigt gefühlt, sich eingehender mit Leben und Werk von Jakobus Linden zu beschäftigen, dessen "Segnender Christus" beim auf der Grenze von Alfter und Roisdorf gelegenen "Friedensweg" im Jahre 2010 restauriert wurde. Immerhin ermöglichen im Bonner Stadtarchiv aufbewahrte Zeitungsartikel erste Nachforschungen. Aus einem Zeitungsbericht stammt auch das Bild Lindens, das ihn kurz vor seinem Tod an der Skulptur arbeitend zeigt, die heute auf seinem Grab steht: einer Pietà, also der Darstellung des vom Kreuz abgenommenen Jesus auf dem Schoß seiner Mutter Maria, Ausdruck der tiefen Gläubigkeit des Künstlers.

Jugend und Ausbildung

"Justitia" im Giebel des Oberlandesgerichts Köln

Geboren wurde Jakobus Linden am 28. März 1886 in Poppelsdorf bei Bonn, das damals noch eine selbstständige Gemeinde war. Lindens Vater war dort als Keramiker in der ehemaligen kurfürstlichen Porzellanmanufaktur beschäftigt, und so hatte der junge Jakobus bereits früh Berührung mit plastischem, bildnerischem Gestalten. Stationen seiner Ausbildung zum Bildhauer waren Karlsruhe und München, bevor er nach Köln in das Atelier von Dr. Karl Menser ging. Als Beispiel für die Zusammenarbeit von Menser und Linden kann der plastische Schmuck des von 1907-1911 errichteten Kölner Oberlandesgerichts am Reichenspergerplatz gelten.

Als Menser dann Akademischer Zeichenlehrer an der Bonner Universität wurde, ging auch Linden nach Bonn. Hier, in seinem Geburtsort Poppelsdorf, ließ er sich 1919 freischaffend nieder.

Markante Zeugnisse von Lindens Bildhauerkunst aus den späten 1920er Jahren sind die Reliefs mit vielfältigen Tierdarstellungen, die er für die Fassade des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander König in der Bonner Adenauerallee anfertigte.

Reliefs am Bonner Museum Alexander König

Natürlich wurde der zwischen Realismus und Expressionismus angesiedelte Stil, den Linden in seinen Werken entwickelte, nicht zuletzt von seinem Lehrer Menser geprägt. Gewiss beeinflusst wurde Linden aber auch, wie viele Bildhauer seiner Generation, von den auf das Wesentliche der Gestalt zurückgeführten, doch um so ausdrucksstärkeren Figuren, die Ernst Barlach (* 1870) schuf. Ein wichtiges Erlebnis war weiterhin die Begegnung mit den Werken von Auguste Rodin (1840-1917), dem Begründer der modernen Plastik, die Linden bei einer Reise nach Paris näher kennen lernte. Überhaupt prägten Erfahrungen, die er auf zahlreichen Reisen, etwa nach Italien, sammelte, Lindens Ausdrucksformen.

Bonner Künstlergruppen

Rheinlandschaft von Carl Nonn

Drei Jahrzehnte lang wirkte Linden in seiner Werkstatt bzw. seinem Atelier in Bonn-Poppelsdorf. Eine Mannschaft gutausgebildeter Mitarbeiter unterstützte ihn bei der Ausführung seiner Entwürfe.

Über die Werkstatt hinaus engagierte sich Linden im 1912 von dem Maler Carl Nonn (1876-1949) begründeten "Bonner Künstlerbund", der 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, aufgelöst wurde. Lindens Werke waren z.B. in der Weihnachtsausstellung 1930 der "Bonner Künstlervereinigung von 1914" sowie in der Ausstellung der dieser Vereinigung nachfolgenden "Bonner Künstlerschaft" von 1933 zu sehen.

Wenn Linden nach 1933 keine aktive Rolle mehr in den Bonner Künstlergruppen ausübte, so könnte dies darin begründet sein, dass er mit der 13 Jahre jüngeren Senta verheiratet war, die als "Halbjüdin" galt. Senta Linden führte eine Zahnarztpraxis in Alfter.

Ehrenmale

Ehrenmal in Stieldorf von 1929

In der Poppelsdorfer Werkstatt entstand eine Vielzahl von Auftragswerken sowohl in Stein als auch in Holz und in Bronze, obwohl Stein das bevorzugte Material bilden sollte. In den 1920er und 30er Jahren soll Linden weit über 100 Mahnmale zum Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs geschaffen haben. Offenbar sprach sich die Qualität seiner Arbeiten rasch herum. Wie viele Mahnmale es wirklich waren bzw. an welchen Orten sie sich befanden oder noch befinden, ist nicht bekannt. Hier steht noch viel Forschungsarbeit bevor.

Wenige bekannte Beispiele seien hier genannt: Zum einen ein Kriegerdenkmal in Stieldorf im Siebengebirge: Am Kirchturm schuf Linden 1929 die Statue eines hl. Sebastian, der sich, von Pfeilen getroffen, im Schmerz zurückbeugt. Auf dem hohen Sockel finden sich, neben einem schwertartigen Kreuz, die Namen der Gefallenen des Ortes. „Das Ehrenmal wirkt in seiner Natürlichkeit überzeugend und spricht allgemein an“, urteilte der damalige Berichterstatter des Bonner Generalanzeigers über das Mahnmal. Offenbar teilte man Ende der 1950er Jahre diese Auffassung nicht mehr, so dass man es anlässlich einer Kirchturmsrestaurierung abbaute.

Ehrenmal in Buschhoven von 1930

Für den Ort Buschhoven bei Bonn entwarf Linden ein Denkmal ganz anderer Art: Über einem Bruchsteinpodest thront zentral eine Schutzmantelmadonna, die einen gefallenen Soldaten und dessen fürbittenden Kameraden birgt. Die Madonna, als strenge Dreieckskomposition angelegt, entspricht nicht zufällig dem berühmten Buschhovener Gnadenbild der „Rosa mystica“.

Ehrenmal in Hemmerich, heutige Aufstellung

In ähnlicher Weise stellte Linden beim Ehrenmal in der Kirche St. Aegidius zu Hemmerich einen betenden, sich auf sein Seitengewehr wie auf ein Kreuz stützenden Weltkriegssoldaten dar. Der dem Hauptaltar zugewandte Soldat kniete auf einer in die Wand eingelassenen Grabtumba, deren Schauseite durch eine dreifache, die Namen der Gefallenen aufweisende Arkade gegliedert wurde. Tumba und Soldat wurden überfangen von einem krabbenbesetzten Dreipassgiebel mit Kreuzblume und Fialen, dem neogotischen Stil der Pfarrkirche entsprechend. Die heutige Aufstellung des Denkmals - freistehend vor der Ruine der Hemmericher Burg - dürfte den künstlerischen Intentionen Lindens indes zuwider laufen: Gesamtstruktur und Stilelemente des Ehrenmals haben keinerlei Bezug mehr zum Aufstellungsort, vor allem blickt der betende Soldat statt auf den Altar, an dem das fürbittende Messopfer vollzogen wurde, nun ins Leere. Eine Rückführung in die Pfarrkirche wäre gewiss dringend zu prüfen.

Ehrenmal jüdischer Friedhof, Bonn, Römerstraße, von 1930

Wiederum ganz anders das Ehrenmal, das Linden im Jahre 1930 im Auftrag der Bonner Synagogengemeinde für den jüdischen Friedhof in der Bonner Römerstraße gestaltete. Hier wird gemäß dem alttestamentlichen Gebot, nichts, was im Himmel ist, abzubilden, eine figürliche Darstellung vermieden, deckt lediglich eine gesenkte Fahne die Namen der Gefallenen.

Als weltliches Mahnmal sei die Erinnerungstafel an die Gefallenen unter den Schülern der Remigiusschule aus dem Jahre 1935 erwähnt. Lindens durchweg schlichte, aber würdige Ehrenmale zeichneten sich, wie damals bemerkt wurde, durch die „Überwindung des furchtbaren Gartenlaubenstils der vorweltkriegsmäßigen Aera“ aus.

Bildnisbüsten

Linden, an der Beethovenbüste arbeitend, 1949

Die Mahnmale bildeten aber nur einen Schwerpunkt des Schaffens von Jakobus Linden. Als besonders bemerkenswert werden die zahlreichen Bildnisbüsten von lebenden und historischen Persönlichkeiten genannt, die er anfertigte. Bilder hiervon sind indes bislang nur wenige vorweisen. Genannt sei etwa die Büste der damals beliebten Filmschauspielerin, Kabarettistin und Malerin Trude Hesterberg, des Schauspielers Gert Froebe oder des Fliegers Gerhard Fieseler, letztere in Metall. Eine Büste des jungen Schiller fertigte Linden für das Bonner Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium an, ebenso entstand eine Büste von Gerhart Hauptmann u.s.w.

Ihren krönenden, wenn auch vielleicht nicht unbedingt gelungenen Abschluss fand diese Seite von Lindens Tätigkeit in der Anfertigung eines monumentalen Bildniskopfes Ludwig van Beethovens, der den großen Sohn der Stadt als etwa 34-jährigen auf dem Höhepunkt seines Schaffens darstellte und der in der Presse nach Lindens Tod 1950 als „des Bildhauers Vermächtnis an die Stadt Bonn“ gepriesen wurde. Er war für das Bonner Theater bestimmt, fand dann aber seinen Weg nach Tokio.

Vielfalt bildhauerischer Arbeiten

Grabmal der Familie Schaden auf dem Roisdorfer Friedhof

Linden übernahm mit seiner Werkstatt auch Aufträge für Grabmäler – hier sei als Beispiel das Grabmal der Familie Schaden auf dem Roisdorfer Friedhof angeführt – sowie sogar für Werbefiguren – etwa im Jahre 1937 die 2,20 Meter hohe Figur eines westfälischen Bauern mit Kiepe und Pfeife aus Ulmenholz für eine Automobil-Werbeaktion in Ostpreußen. Bezeugt sind ferner das Standbild eines Sämanns von 1934 oder die Skulptur „Der Starter“ für das Bonner Viktoriabad. Die späte Holzplastik eines Eifelbauern sollte von Bundespräsident Theodor Heuss erworben werden. Weiterhin fertigte Linden in den 1930er Jahren Reliefs mit Adlern und Wappen als Schmuck des Fliegerhorstes Wiesbaden an, wobei er sich indes nicht dazu verführen ließ, diese in dem damals üblichen, da von den Nationalsozialisten geforderten starren und bombastischen Klassizismus zu gestalten.

Mädchen mit Schale vor der Volksbank, Bonn

Ein Werk Lindens, das viele kennen, ohne zu wissen, dass er es entworfen hat, ist das anmutige „Mädchen mit der Schale“, ursprünglich eine Gartenskulptur, von dem heute eine Version in der Bonner Gerhard-von-Are-Straße vor der dortigen Volksbank steht. 1976 hat die Volksbank diese aus Andernacher Basaltstein gefertigte Replik aus Anlass des 75-jährigen Jubiläums der Bank dort aufstellen lassen und im Beisein von Lindens betagter Witwe enthüllt.

Hervorgehoben zu werden verdienen auch die lebendig gestalteten Tierplastiken Lindens. Insgesamt bediente Linden mithin die gesamte Bandbreite bildhauerischer Aufgaben für den privaten und öffentlichen Bereich.

Bonner "Brückenmännchen"

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass die Stadt Bonn im Jahre 1949 Linden damit beauftragte, im Rahmen des Wiederaufbaus der Rheinbrücke nach Beuel, der heutigen Kennedybrücke, das durch die Kriegseinwirkungen beschädigte „Brückenmännchen“ zu restaurieren. Bekanntlich hatten die Bonner einstmals dieses sein Hinterteil in Richtung der anderen Rheinseite streckende Männchen an der Rheinbrücke angebracht, um den Beuelern angesichts von deren Weigerung, zu den Kosten des Brückenbaus beizutragen, ihre angemessene Wertschätzung zu bekunden. Linden stellte der Stadt eine Rechnung mit der Angabe aus: „Dem Bröckemännche de Botz jefleck.“

Werke mit christlicher Thematik

Daniel in der Löwengrube

Besonderen Wert legte Linden indes auf seine Werke mit christlicher Thematik. Erwähnt wurde eindrucksvollen Christuskopf des Grabmals Schaden. Die Holzplastik(?) "Die Flucht nach Ägypten" erwarb ebenfalls der kunstsinnige Bundespräsident Heuss. Ein spätes Werk war die Bronzegruppe „Daniel in der Löwengrube“.

Kreuztragender Christus

Der geplante steinerne Kreuzweg für den Roisdorfer Lindenberg – als Dank für die Errettung aus Kriegsnöten gleichsam ein Gegenstück zum Alfterer Friedensweg – blieb unvollendet. Eine Statue des kreuztragenden Christus, die als Probestück hierfür ausgeführt worden war und in Roisdorf verblieb, ist heute leider verschollen. Ebenso konnte Linden auch den Kreuzweg für eine Gemeinde an der Mosel nicht fertigstellen. Áusgeführt wurde in den Jahren 1944 bis 1946 indes der Kreuzweg in der Herz-Jesu-Kirche in Rheine in Westfalen: Die fast grafisch wirkenden Szenen sind auf die notwendigsten Personen reduziert.

Christus und Judas - nach der Tat

Eine der bemerkenswertesten Arbeiten Lindens ist gewiss die gleichfalls in der Herz-Jesu-Kirche unmitelbar nach dem Krieg aufgestellte Skulpturengruppe "Christus und Judas - nach der Tat": Jesus fasst den gebeugten Judas Iskarioth an der Hand. Der Heiland lässt niemanden zurück, auch nicht den Verräter, der sich aus Verzweiflung über seine Tat das Leben genommen hat. Die beiden Personen sind ohne jedes überflüssige Detail gestaltet. Sie scheinen fast zu einer einzigen Person zu verschmelzen. Diese Darstellung kann als einzigartig gelten, vergleichbar ist sie nur einem Kapitell der Klosterkirche von Vezelay aus dem 12. Jahrhundert. Dort trägt Christus den toten Judas, er führt ihn heim wie der Gute Hirte das verlorene Schaf.

Pietà von 1949

Für die Wallfahrtskirche in Buschhoven entwarf Linden eine Wurzel-Jesse-Darstellung, die in Maria gipfelt, die als Reis aus der Wurzel Jesse gepriesen wird. Vielleicht Lindens bestes, spätes Werk war die genannte Pietà, die Darstellung des toten Jesus auf dem Schoß seiner Mutter, die Lindens Grab auf dem Poppelsdorfer Friedhof schmücken sollte: Die Gewänder von Mutter und Sohn fließen ineinander, lassen beide als eine Einheit erscheinen – Maria als Mitleidende, als Miterlöserin der Menschheit.

Der "Segnende Christus"

"Segnender Christus", 2012

Hier nun kommt die aus grau-gelbem Kunststein gefertigte Statue des „Schreitenden“ oder „Segnenden Christus“ ins Spiel, die Linden wohl schon in den ersten Kriegsjahren schuf, und die von dem späteren "Vorgebirgsrebellen" Wilhelm Maucher, dem Alfterer Pazifisten und Widerstandskämpfer, für sein 1945, kein halbes Jahr nach Kriegsende errichtetes Mahnmal gegen Krieg und Gewaltherrschaft erworben wurde: Der mit einem langen, schlichten Gewand bekleidete Christus breitet weit seine Arme aus, segnend, wie zu einer Umarmung ansetzend. Kopf und Arme sind leicht vorgebeugt, so dass er dem Betrachter entgegen zu schreiten scheint. Glatt, fast kantig sind der Körper und das ernst und ruhig wirkende Gesicht geformt. Sowohl in Nah- als in Fernsicht entfaltet die nicht einmal übergroße Statue ihre beeindruckende Wirkung.

Selbstverständlich denkt jeder, der die Statue sieht, sofort an die riesige Statue Christi, des Erlösers, die – entworfen von dem brasilianischen Ingenieur Heitor da Silva Costa – im Jahre 1931 auf dem Berg Corcovado über Rio de Janeiro errichtet wurde. Inklusive Sockel ist diese 38 Meter hoch, ihre Arme breitet sie mit 28 Metern Spannweite über die Stadt. Als weithin sichtbares Wahrzeichen von Rio gilt sie gewiss zu recht als eines der „Weltwunder“ Südamerikas.

Christusstatue in Rio de Janeiro

Die kleine Christusstatue Lindens ist indes keineswegs eine Kopie dieser kolossalen Statue, vielmehr eine eigenständige Interpretation des Grundgedankens des gleichsam selbst zum Kreuz werdenden Christus. In den Einzelformen erscheint sie wesentlich natürlicher, bewegter und lebendiger gestaltet: So lässt das sparsam strukturierte Gewand der Alfterer Statue die Körperformen Christi durchscheinen, während die Christusfigur von Rio wie mit dem in starre, geometrisch anmutende Falten fallenden Gewand behangen wirkt. Ist der Kopf unserer Statue organisch mit dem Körper verbunden, so wirkt der verhältnismäßig kleine Kopf der Statue von Rio unorganisch aufgesetzt, was freilich bei den riesigen Ausmaßen der Figur wohl kaum anders machbar war.

Anders als bei der Statue von Rio fehlen die Wundmale – er ist damit der auf Erden das Reich Gottes Verkündende, noch nicht der Gekreuzigte und Auferstandene. Dass auf diese Weise die menschliche Natur Jesu vor seiner göttlichen betont wird, könnte – neben Vorbehalten gegen die nicht in allem der katholischen Morallehre entsprechenden Lebensweise Wilhelm Mauchers – ein Grund für die Ablehnung des Alfterer Pfarrers, Dechant Wilhelm Bergené gewesen sein, der Statue den kirchlichen Segen zu erteilen, und ein fremder Geistlicher dies vornehmen musste. Mit mangelnder künstlerischer Qualität des „Segnende Christus“ kann die Zurückhaltung von Dechant Bergené jedenfalls kaum begründet gewesen sein: Sie erscheint der des starr wirkenden Kolosses auf den Höhen über Rio deutlich überlegen.

Kruzifixus aus Bronze, 1930

Zum Gelingen einer solchen Arbeit trug gewiss bei, dass Linden, gemäß Auskunft seiner Frau Senta, seit der Jugend seine Kunst als Dienst, als Gottesdienst, als Schöpfungslob verstand. Lindens Freund und Weggefährte der erwähnte Prof. Dr. Herm Dienz, Maler und Grafiker, Sprecher der 1946 als Nachfolgerin des "Bonner Künstlerbundes" gegründeten "Künstlergruppe Bonn", sollte später an das künstlerische Gebot Albrecht Dürers erinnern: „Das Leiden Christi verewigen und das Bild des Menschen der Nachwelt überliefern.“ Dieses jahrhundertealte Gebot sei unsichtbar über dem Lebenswerk Lindens gestanden. Linden war gewiss ein gläubiger, frommer Mann, gleichwohl, laut dem Bonner Architekt Ernst van Dorp, der zwei Jahre lang in Lindens Werkstatt gearbeitet hatte, ein „fröhlicher Mensch, der die Frömmigkeit rheinischer Prägung mit Weltoffenheit verbunden hat.“

Kunst und Handwerk

"Segnender Christus", Detail, 2009

In erster Linie als Handwerker und erst in zweiter als Künstler hat Linden sich verstanden. „Bildhauer“, so sagte er, „müssen vielseitig sein, und vor allem ihr Handwerk beherrschen, müssen buchstäblich mit der Hand werken, mit Hammer und Meißel umgehen: denn das Material und nicht nur der Geist bestimmt die Form.“

Entsprechend lehnte er für sich jegliche Form von Avantgardismus und Intellektualität ab. „Muß jeder Künstler extrem sein?“, fragte er einmal, „zumal wenn er in Stein und damit für Generationen schafft. Liegt in der Sucht nach Originalität nicht spätromantischer Irrtum, Persönlichkeitskult und ziemlich viel Dünkel? Das neue muss langsam reifen und darf nicht ‚gemacht‘ werden.“

Dass seine Kunst dienenden Charakter habe, dass sie durchweg nicht autonome, sondern Auftragskunst sei, ließ er nicht als Makel gelten: „Das Suchen, Experimentieren kann nur für einige Wenige Selbstzweck werden. Tradition heißt auch Lebensnähe, denken Sie an andere Künste, etwa die Kirchenmusik, die auch im ‚Auftrag‘ schafft, und der Gegensatz von Schöpferisch und Nachschaffend verwischt sich heute, denn jeder, der in einem überkommenen Stile arbeitet, ist im Grunde nicht mehr eigenschöpferisch.“

Lindens war er ein Gegner der Abstraktion: Als bei der "1. Sommerausstellung Bonner Künstler" im Jahre 1949 etwa ein Viertel der gezeigten Arbeiten abstrakter Natur war, zog er seine Skulptur aus der laufenden Ausstellung zurück: Seine Arbeiten sollten verstanden werden – verstanden nicht nur von einer Elite, sondern von allen, die mit ihr umgehen, sie sollten jedermann zur Teilnahme einladen.

Würdigung des Bildhauers

Pietà des Grabes der Familie Linden, Detail, 2010

Jakobus Linden verstarb 64-jährig am 7. März 1950, plötzlich, an einem Herzanfall. Er wurde mitten aus der Arbeit gerissen. Auf dem Poppelsdorfer Friedhof erhielt er, wie eingangs erwähnt, ein städtisches Ehrengrab.

Senta Linden organisierte ein Jahr später eine Gedächtnisausstellung. Lindens Atelier arbeitete damals noch weiter, es wirkte, wie ein Journalist des Bonner Generalanzeigers berichtete, „als sei der Bildhauer nur verreist“: Mitarbeiter schaffen, Entwürfe und fertige Plastiken überall, z.B. „die der Antike abgelauschte, dem aufgehenden Tag zugewandte Mädchengestalt, in der Jakobus Linden die ‚Morgenröte‘ des demokratischen Deutschland symbolhaft dargestellt hat.“

Als letzte Arbeiten zählt ein Zeitungsbericht auf: Den Daniel in der Löwengrube, eine bronzene Madonna, einen schmiedeeisernen Lebensbaum, eine holzgeschnitzte Reisigsammlerin, einen verführerischen Rattenfänger von Hameln, die Beethovenbüste - mithin fast einen Querschnitt durch Lindens vielfältiges Werk.

Segnender Christus, 1954

Linden schuf fraglos einprägsame Werke der Bildhauerkunst seiner Zeit. Insbesondere seine religiöse Plastik, wie der „Segnende Christus“ am Alfter/ Roisdorfer Friedensweg, zeugt von Innigkeit und Kraft der Gestaltung.

Gewiss hatte das Werk Lindens, das die Entwicklungen der Moderne der Nachkriegszeit nicht mehr mit vollzog, auch Grenzen. Aber, wie seine Witwe Senta betonte, „es wird nicht über sie hinweggepfuscht, es ist ehrlich.“ „Lindens Größe“, heißt es in einem Nachruf von 1950 auf den unermüdlich Schaffenden, „war nicht die schroffe Höhe, sondern die Weite seiner künstlerischen Empfindsamkeit.“

Sich intensiver mit Leben und Werk dieses zu unrecht weitgehend in Vergessenheit geratenen christlichen Künstlers rheinischer Prägung zu beschäftigen, nach seinen doch wohl zahlreich erhaltenen Werken zu fahnden, dürfte gewiss sinnvoll und lohnend sein.

Alfter/ Roisdorfer Friedensweg

Weitere Informationen und Bilder zum Friedensweg und der Statue des "Segnenden Christus" finden Sie auf der Seite

www.friedensweg.info