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Wie spricht man Roisdorf korrekt aus? Teil 1: Von den Anfängen bis ins späte Mittelalter Teil 2: Von der frühen Neuzeit bis ins 19. Jh. Teil 3: 20. Jahrhundert bis heute Kurze Geschichte in Reimform Die erste urkundliche Erwähnung Roisdorf unterm Hakenkreuz Roisdorf in der Bundesrepublik Deutschland

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Roisdorf unterm Hakenkreuz

Zwölf Jahre Diktatur

Im März 1933 wurden in Deutschland die verfassungsmäßigen Rechte der seit August 1919 geltenden demokratischen Reichsverfassung der Weimarer Republik annulliert. Der Reichstag beschloss im März 1933 mit den Stimmen der NSDAP, den deutschnationalen, den liberalen und christlich orientierten Fraktionen, das sogenannte Ermächtigungsgesetz. Allein die anwesenden 94 Sozialdemokraten im Reichstag stimmten gegen dieses Gesetz. Viele der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten saßen bereits in Haft oder mussten untertauchen, um den Terror der Nazis zu entkommen. Die KPD war nach dem Brand des Reichstags Ende Februar 1933 bereits verboten worden. Die kommunistischen Reichstagsabgeordneten waren verhaftet bzw. ihres Abgeordnetenmandates durch das NS-Regime enthoben worden.

Mit diesem „Ermächtigungsgesetz" wurde die Gewaltenteilung der demokratischen Weimarer Republik aufgehoben und eine auf Hitlers „Führerprinzip" zugeschnittene Diktatur etabliert. Hitler schuf damit für sich und seine Reichsregierung die Basis eines terroristischen Regierungssystems. Dies machte sich alsbald auch in Roisdorf und in der Gemeinde Bornheim bemerkbar.

Feier zum 1. Mai vor dem Rosidorfer Bahnhof, 1935

Zur Kommunalwahl 1933 stellte die SPD in Roisdorf keine Kandidaten mehr auf. Nur in Bornheim-Brenig wurde Heinrich Schürf als einziger SPD-Ratsherr gewählt. Er nahm aber, offensichtlich auf politischen Druck der Nazis, sein Mandat nicht an. Auch der auf Listenplatz zwei der SPD kandidierende Johann Antweiler verzichtete auf sein Wahlamt.

Viele liberal und oder konservativ gesinnte Bürger kandidierten in dieser Zeit in Bornheim gemeinsam mit Sozialdemokraten auf sogenannten Bürgerlisten, ob Landwirt, selbstständiger Handwerker oder Arbeiter gemeinsam wollte man gegen die Ambitionen der braunen Vertreter im zukünftigen Gemeinderat vorgehen. Leider waren diese gemeinsamen Listen der Demokraten gleichzeitigdasTorfürdie Nazis, nun erst recht bei den Kommunalwahlen, mit Unterstützung von außen, mitzumachen. 1933 kandidierten die NSDAP-Leute mit eigenen Listen für den Gemeinderat.

Die Wahlniederschrift vom 12. März 1933 für den Bereich der Ortschaft Roisdorf verzeichnet für die Zentrumspartei 43,6 Prozent der abgegebenen 867 Stimmen, für die NSDAP 37,5 Prozent, für die Bürgerliste 11,6 Prozent, und für die Liste der Arbeiter und Kriegsbeschädigte 7,3 Prozent.

Festzug des Junggesellenvereins, ca. 1937

Kurze Zeit später wurde auf Druck der NS-Regierung der ein-Partei Gemeinde- bzw. Amtsrat gebildet. Die verbliebenen und nichtzurückgetretenen Ratsmitglieder wurden als Hospitanten in die NSDAP-Fraktion aufgenommen. Ab dieser Zeit war dann auch keine Ratsarbeit im demokratischen Sinne mehr möglich. Amtsbürgermeister Heinrich Ditz blieb bis Mai 1933 im Amt. Im folgte Paul Henter als Nachfolger im Bürgermeisteramt, verlor aber diese Position wegen Unfähigkeit im Amt. Danach wurde die Amtsvertretung von Referendaren und dem Bürgermeister Körten ausgefüllt. Ab Sommer 1936 wurde der „Alte Kämpfer" und NSDAP Ortsgruppenleiter Bornheims PG Fritz Hammer zum Bürgermeister des Amtes Bornheim ernannt. Er blieb in diesem Amte bis zu seiner Flucht vor den alliierten Streitkräften am 4. März 1945. Durch die neue „Gemeindeordnung" konnte Hammer als „Führer" der Amtsgemeinde Bornheim, ohne die Legitimation einer Wahl durch die Bürgerschaft, eigenmächtig handeln. Die kommunale Selbstverwaltung war praktisch aufgelöst. Ortsvorsteher und Ratsmitglieder wurden wie zuvor der Bürgermeister nicht mehr durch Wahlen sondern von der Partei NSDAP vorgeschlagen und von der Regierung eingesetzt bzw. bestätigt.

Aufmarsch bei der Eröffnung des Staatsjugendheims

Für die Bürgerschaft in Roisdorf begann die Nazizeit auch mit Begünstigungen. Der Westdeutsche Beobachter schrieb am 19. Mai 1936 zur Eröffnung eines neuen Jugendheims an der heutigen Essener Straße:

„Ein freudenreicher Tag nicht nur für die Jugend von Roisdorf, sondern des gesamten Vorgebirges, bildete der vergangene Sonntag, an dem das neue Staatsjugendheim in Roisdorf feierlich seiner Bestimmung übergeben wurde.

...In Reih und Glied marschierte die Jugend die zuerst durch die Straßen von Roisdorf gezogen war, um 4 Uhr zum neuen Heim. Zahlreich hatten sich die Zuschauer eingefunden.

... Ortsgruppenleiter PG Hammer übernahm das Heim in seine Obhut und ermahnte die Jugend, die tiefwurzelnde Treue im Herzen zu tragen, die steht's das deutsche Volk am Rheine beseelt habe. Er schloss seine Worte mit dem Wunsche, dass bald in allen Vorgebirgsorten ein gleich schönes Heim für die Jugend entstehen möge."

Hitlerjugend beim Feuermachen vor dem Jugendheim

Da hatte sich die NSDAP etwas „feines" für die Ertüchtigung der Roisdorfer Jugend ausgedacht. Ein staatlicher Abenteuerspielplatz mit neuem Jugendheim wo nebenbei die „Pimpfe" des Jungvolkes und die Hitlerjugend auch den Umgang mit den Gewehren ernen konnten. Man kann den damals lebenden Kinder und Jugendlichen nicht verdenken dass sie dieses Angebot annahmen. Keinerahnte, dass dies auch eine Vorbereitung auf den Krieg sein könnte.

Bombenschäden im Roisdorfer Oberdorf, 1943

Doch als spätestens 1938 es zu Ausbildungsplänen für den Luftschutz in mehreren Orten des Vorgebirges kam und im gleichen Jahr die Kreisschießschule in Roisdorf an der Essener Straße feierlich eröffnet wurde, hätte man nicht spätestens dann nachdenklich werden müssen?

Familie Loeb vor ihrem Ladenlokal in der Brunnenstraße

Schon viel früher bahnte sich der Ungeist der nationalsozialistischen Rassenideologie eine Schneise in unserer Ortsleben. So wurde im April 1933 von staatlicher Seite zu Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte aufgerufen. Auch die jüdische Metzgerei Loeb in der Roisdorfer Brunnenstraße blieb davon nicht verschont. Doch wie mir meine Großmutter erzählte, störten sie sich und auch viele Nachbarn der Loebs nicht an diesen staatlichen Boykottaufruf. Die Metzgerei & Viehhandlung David Loeb blieb für uns und viele Roisdorfer der Fleisch- und Wurstlieferant. Zu dieser Zeit wohnten in Roisdorf 17 Israeliten, wie eine amtliche Personenstands aufnahme vom Oktober 1933 verzeichnet. Als die Herrschaft der deutschen Faschisten im März 1945 endete, lebten von den 17 jüdischen Mitbürgern keiner mehr in Roisdorf.

Auch in der „Reichspogromnacht" am 9./10. November 1938 blieben die Loebs nicht vom Staatsterror verschont. So schreibt der Augenzeuge und Loebs direkter Nachbar Peter Berrisch in seiner Familienchronik:

„Es war für die Nachborn nichtverständlich, dass die Nationalsozialisten in der sogenannten Reichskristallnacht Teile der Wohnung und die gesamte Metzgereieinrichtung demolierten und dabei alles zerschlugen, was zerbrechlich war. Schaufenster, Theke, Kühlung, und Kleinteile aus dem Laden lagen im Vorgarten. Der Zufall machte mich zum Zeugen. Ich war krank und durfte in dieser Nacht bei meiner Großmutter schlafen.

Ihr Schlafzimmer lag im Giebel zur Straßenfront. Unter dem kleinen Sprossenfenster stand eine Kommode, auf die ich mehrmals kletterte um dieses furchtbare Ereignis zu beobachten. Die ganze Familie Loeb hatte sich während dieser Aktion in einem Schuppen desNachbarn Clemens versteckt. An weitere Einzelheiten und Gesichter kann ich mich nicht erinnern, ich kannte ja die Absichten der Randalierer nicht.

Erst viel später habe ich erfahren, dass es sich um SA-Männer handelte. Meine Mutter jedoch, die zu jener Zeit 28 Jahre alt war, hat drei der SA-Männer erkannt. Zwei waren aus Roisdorf und einer aus Alfter."

ehem. Haus der Familie Loeb, 2014

Der weitere Werdegang der Familie Loeb hat Frau Claudia Wolf in Ihrer Magisterarbeit wie folgt beschrieben:

Josef Loeb (1896 - 1978) wurde in Roisdorf als Sohn der Eheleute David und Regina Loeb geboren, die dort eine Metzgerei betrieben, welche 1926 von ihrem Zweitältesten Sohn Philipp und seiner Familie übernommen wurden. David wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und kam dort ums Leben. Seine Ehefrau Regina starb schon 1938 in einem Bonner Krankenhaus und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Bornheim begraben. Ihre Tochter Franziska hatte 1914 den Metzger und Viehhändler IsidorCahn aus Bornheim geheiratet. Beide wurden nach langer Flucht ebenfalls vom Nazi-Regime aufgespürt, nach Auschwitz gebracht und ermordet Auch Phillip starb mit seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern im Vernichtungslager Minsk.

Joseph Loeb heiratete Gretchen Fickert, die christlichen Glaubens war. Das Lebensschicksal Joseph Loebs nahm eine entscheidende Wendung, als er im November 1938 von der Gestapo in Bonn verhaftet und nach Dachau verschleppt, jedoch am 1. Dezember 1938 wieder entlassen wurde. Loeb hatte nach Hitlers Rassentheorie eine arische Frau geheiratet und somit nach den Nürnberger Gesetzen eine Mischehe mit einer nichtjüdischen Frau geführt. Dies schützte ihn noch relativ lange vor der Verfolgung.

Die Eheleute Loeb lebten mit ihrer Tochter Christa, die die Kriegsjahre bei ihren evangelischen Großeltern verbracht hatte, vorerst in Berlin, zogen aber später nach Siegburg, wo Gretchen 1967 und Joseph Loeb 1978 starben. Beide sind auf dem jüdischen Friedhof in Bonn beerdigt."

"Stolpersteine"

Im Jahre 2006 gedachten Bornheimer Bürger mit der der Verlegungvon fünf „Stolpersteinen" aus Messing, durch den Künstler Gunter Deming, an ihre ermordeten jüdischen Mitbürger der Familie Loeb aus Roisdorf. Diese Messingsteine sollen heute und in Zukunft daran erinnern welche Tragödie sich vor nur acht Jahrzehnten mitten in unserer Dorfgemeinschaft abspielte.

Mögen diese Zeilen dazu anregen, vor dem Haus Brunnenstraße 47 einmal bewusst auf die im Gehweg eingelassenen Namen der Familie Loeb zu achten.

Text: Harald Stadler
Abbildungen: Stadtarchiv Bornheim, Heimatfreunde Roisdorf