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Gustav Adolf Gammersbachs verregnetes Begräbnis

"Verschleiert lag das Vorgebirge da ..."

Logo der Fabrik Gammersbach

Die Geschichte der Lederwarenfabrik Franz Willh. Gammersbach, die von 1853 bis 1952 in Roisdorf bestand und die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Ortes in diesen fast 100 Jahren nachhaltig beeinflusste, wurde bislang noch nicht systematisch anhand von Archivmaterial erforscht. So sind es neben den in umgebautem Zustand erhaltenen Fabrikgebäuden vor allem verstreute Zufallsfunde von Firmenrechnungen, Katalogen, erhaltenen Lederwaren und dergleichen, die bislang von der ruhmreichen Vergangenheit des Unternehmens zeugen.

Koppelschloss von 1914 mit Stempel Gammersbach

Nach dem Niedergang des Kurbetriebes in Roisdorf hatte der Kaufmann Franz Wilhelm Gammersbach aus Miel die „Gerberei, Lackleder- und Militäreffektenfabrik Gammersbach“ im ehemaligen Kurhaus eingerichtet, das er von der die Konkursmasse des Brunnenpächters Gerhard von Carnap verwaltenden Schaafhausenschen Bank erworben hatte. Erzeugt wurde alles Erdenkliche aus Leder, von Überzügen für Militärhelme und Patronentaschen bis hin zu Koffern und Taschen aller Art.

Gammersbach'sche Gerberei Anfang 20. Jahrhundert

Die benachbarte, eigentlich für die Anreise von Kurgästen geplante Station der Bonn-Cölner-Eisenbahn ermöglichte dabei den bequemen Transport von Rohstoffen und fertigen Erzeugnissen. „So fanden die hiesige, und viele auswärtige Arbeiter reichlichen und guten Verdienst, denn die Fabrik floriert nach allen Seiten hin großartig“, sollte später der Roisdorfer Ortvorsteher Wilhelm Rech in seiner Chronik schwärmen. In Spitzenzeiten beschäftigte die Fabrik weit über 300 Mitarbeiter unter denen um 1890 als später gewiss prominentester der wandernde Sattlergeselle Friedrich Ebert gehörte. Die Gewerbesteuerliste der damaligen Bürgermeisterei Waldorf von 1898 vermerkte für die Fa. Gammersbach ausdrücklich die Zweigniederlassungen in Breslau, Berlin und Frankfurt am Main.

Ausschnitt aus einer Ansichtskarte von ca. 1910

Fabrikbesitzer Franz Wilhelm Gammersbach, geboren 1818 in Rheinbach und verheiratet mit Elisabeth Wilms aus Adendorf, engagierte sich in Roisdorf auch gemeinnützig, so beim Bau der Pfarrkirche und der Einrichtung der Pfarrgemeinde. Am 31.3.1870 wurde er in Roisdorf, wie Ortsvorsteher Rech vermerkte, „mitten aus seiner vollen Thätigkeit durch einen Blutsturz noch im besten Mannesalter abberufen. Glücklicherweise war sein Sohn schon so weit, dass das Geschäft, wie es war, weiter geführt wurde.“

Lederstempel von 1918

Dieser Sohn, Gustav Adolf Gammersbach, geboren am 27.12.1844 in Meckenheim, war mit Maria Magdalena Wülffing, der Tochter des Landrats des Siegkreises Franz Heinrich Wülffing verheiratet. Er leitete die Fabrik nicht weniger erfolgreich als sein Vater. Zumindest die in der Ebene gelegenen Teile Roisdorfs entwickelten sich dabei rasch zum florierenden Industriestandort. Die Zahl der Einwohner steigerte sich von 610 im Jahre 1844 auf 1750 im Jahre 1905. Es begann sich sogar eine Arbeiterschaft als Gesellschaftsschicht zu etablieren, wo anderswo im Vorgebirge nur der landwirtschaftliche Stand vorherrschte.

Wandgemälde der alten Villa Gammersbach in der Bonner Straße

Wie sein Vater wurde Gustav Adolf, der ebenfalls Mitglied des Gemeinderates und Kirchenrates Roisdorf sowie auch der Handelskammer Bonn war, mitten aus dem aktiven Leben abberufen, „ob durch Überanstrengung – wer weiß es“ , notierte hierzu Chronist Rech. Er starb am 22. März 1905. Über sein aufwändiges Begräbnis, an dem neben Familie und geladenen Trauergästen große Teile der Roisdorfer Bevölkerung teilnahmen, berichtete am 27. März der Bonner General-Anzeiger ausführlich. Erhalten ist der Bericht, der sich teilweise zu poetischen Höheflügen aufschwingt und somit nach heutigem Empfinden nicht ganz der unfreiwilligen Komik entbehrt, im Bornheimer Stadtarchiv.

„Roisdorf, 25. März.

Einer der angesehensten Männer unseres Gemeinwesens, der Fabrikbesitzer Gustav Gammersbach, wurde, nachdem er einer schweren Nierenkrankheit in noch rüstigem Mannesalter erlegen, heute früh zur ewigen Ruhe bestattet. Scharen von Leidtragenden waren mit dem 11-Uhr-Zug von Bonn gekommen, um dem Entschlafenen das letzte Geleit zu geben.

Dichte Mengen umstanden trotz des unaufhörlich niedergehenden Regens das nahe dem Bahnhof gelegene große Haus, und vom höchsten Schornsteine des dahinter sich ausdehnenden Fabriketablissements wehte ein Trauerfahne herab. In den Gesellschaftsräumen der ersten Etage war der breite Eichensarg unter Blumen und Lichtern aufgebahrt, und eine kaum absehbare Reihe prachtvoller großer Kränze mit bedruckten Widmungsschleifen umgaben seitlich die trauervolle Stätte des Todes. Der treuen Lebensgefährtin des Verblichenen, die mit der Geistlichkeit und den Chorknaben am Fußende des Sarges harrte, wurde die Huldigung innigster Teilnahme dargebracht.

Gegen halb 12 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung unter Vorantritt der Schulen, der Feuerwehr, der Schützen und anderer Vereine mit ihren Fahnen und unter Begleitung der zahlreichen Arbeiter und Angestellten des Hauses, sowie vieler anderer Trauergäste, darunter auch, der ländlichen Sitte gemäß, vieler schwarzgekleideter Damen. Der wehmütige Klang eines Trauermarsches, den die Feuerwehrkapelle spielte, die feierlichen Töne des Kirchengeläutes verschwammen mit dem Klopfen und Rauschen des niedergehenden Regens. Verschleiert lag das Vorgebirge da, und noch ungeschmückt vom Blütenflor des heranziehenden Frühlings ragten die kahlen Äste der Fruchtbäume auf den Feldern mit wie Tränen blinkenden Tropfen in die feuchte Luft. Neben dem großen Friedhofskreuz wurde der Entschlafene unter den Gebeten des Priesters, unter dem Gesang des Kirchenchors „Wie sie so sanft ruhn“ und unter den Klängen des Chopin’schen Trauermarsches zur ewigen Ruhe gebettet.

Möge dem braven, tüchtigen Manne die heimatliche Erde leicht sein und das Werk seiner Lebenstätigkeit, die von seinem Vater gegründete große Fabrik, aufs innigste verwachsen mit den Interessen des Ortes, auch unter seinen Söhnen weiterblühen und Segen stiften!“

Villa Gammersbach, 1920er Jahre

Die Witwe Maria Magdalena sollte mit ihren Söhnen Franz und Wilhelm in der Tat das Geschäft erfolgreich fortsetzen. Die von ihnen erbauten Gammersbach‘schen Villen in der Brunnenallee zeugen heute noch von der Wohlhabenheit und dem Geschmack der Industriellenfamilie. Nicht zuletzt belieferte man die großen Kaufhäuser Tietz und Wertheim, sollte man von Aufträgen des Miltärs im Ersten Weltkrieg profitieren. Der Jahresumsatz des Unternehmens lag Mitte der 1930er Jahre bei zwei Millionen Reichsmark und schien Roisdorf damit für alle Zeiten Sicherheit und Wohlstand zu garantieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es allerdings nicht mehr, an die Verhältnisse der Vorkriegszeit anzuknüpfen, so dass schließlich das Betrieb eingestellt, die Fabrikgebäude verschiedenen anderen Nutzungen zugeführt werden sollten.

ehemaliges Fabrikgelände, 1960er Jahre

Familiengrab Gammersbach 2014

Bis heute jedoch lebt die Erinnerung an Lederfabrik und Familie Gammersbach bei älteren Roisdorfern fort, ist das von einer weißen Marmorplatte mit verwitterter Inschrift bedeckte, von Efeu überwucherte Familiengrab auf dem Roisdorfer Friedhof erhalten.