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Die letzte Fahrt des "Feurigen Elias"

Wehmütiger Abschied von der Dampflokzeit

"Brunnen in Roisdorf", Gedenkblatt zur Eröffnung der Vorgebirgsbahn, 1898

Rauchend und schnaufend kam sie daher, so wie in biblischen Zeiten der feurige Wagen, in dem der Prophet Elias gen Himmel entrückt wurde. Rasch wurde sie daher der „Feurige Elias“ genannt: die Vorgebirgsbahn, die ab 1897/98 zwischen Bonn – vom Viehmarkt, dem heutigen Friedensplatz aus – über Brühl nach Köln verkehrte, wo sie am Barbarossaplatz endete. Anders als die seit 1844 bestehende Bonn-Cölner-Eisenbahn, die heutige Deutsche Bahn, fuhr sie an den Dörfern des Vorgebirges entlang, war sie doch nicht zuletzt dafür gedacht, den Städtern den erholsamen Ausflug in die Baumblüte oder zum Spargelessen zu ermöglichen sowie - buchstäblich im Gegenzug - den Landwirten einen bequemeren Transport ihrer Waren zu den Märkten in Köln und Bonn – "zu einer sehr großen Freude sämtlicher Vorgebirgler", wie der Roisdorfer Ortsvorsteher Wilhelm Rech in seiner Chronik notierte.

"Feuriger Elias" auf dem Bonner Friedensplatz

Der „Feurige Elias“ wurde von Anfang an von der Bevölkerung so stark angenommen, dass man sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Gedanken trug, eine Elektrifizierung der bislang mit Dampf, später auch mit Benzol angetriebenen Bahn vorzunehmen. Ebenso schienen die Begradigung der Strecke sowie nach Möglichkeit ein zweispuriger Ausbau angeraten. Erst in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre konnte man indes konkret daran gehen, die Trasse von Bonn ausgehend neu zu verlegen und auf den Elektrobetrieb umzustellen.

"Feuriger Elias" auf der Bornheimer Königsstraße

Einzige Abbildung des "Feurigen Elias" in Roisdorf, Brunnenallee, ca. 1900

Bei Roisdorf führte die Trasse ursprünglich, von der Bornheimer Königsstraße kommend, über die Bonner Straße, um dann über die heutige Friedrichstraße verlaufend in die Brunnenallee einzubiegen, bevor sie dann am Brunnen in Richtung Alfter schwenkte. Roisdorfer Haltestelle war ein Bahnhöfchen an der Siegesstraße, wobei die Gaststätte Schlitzer (heute Hamacher) als Bahnhofswirtschaft diente. Nun aber wurde die Trasse mittels eines aufgeschütteten Damms quer durch den dabei entwässerten Alten Weiher verlegt, an der Wolfsburg vorbei über die Lüste zum Mineralbrunnen, wo man dann wieder die alte Trasse erreichte. Ein neues stattliches Bahnhofsgebäude errichtete man am Übergang der Siegesstraße. Es steht auch heute noch, wenn auch leider ohne Funktion und leicht verfallen, an der Haltestelle „Roisdorf West“ der Stadtbahnlinie 18.

Altes Bahnhöfchen, im Hintergrund links der neue Bahnhof "Roisdorf West", 1950er Jahre

Am 30. Juni 1929 war es dann soweit. Bevor am folgenden Tag die elektrische Vorgebirgsbahn ihren Betrieb aufnehmen sollte, beging man die letzte Fahrt des „Feurigen Elias“, welcher der Bevölkerung sehr ans Herz gewachsen war, mit großem Aufwand. Die Lokalpresse berichtete hierüber ausführlich. Erfreulicherweise haben sich die anschaulichen Berichte über die rührenden Abschiedsfeiern in Bonn und Roisdorf im Bornheimer Stadtarchiv erhalten.

Deutsche Reichszeitung, 1.7.1929:

Et wor d’r Letzte.

Elf Uhr achtundvierzig gestern abend auf dem Friedensplatz. Tausende Bonner Bürger beiderlei Geschlechtes hatten sich eingefunden, um dem letzten „feurigen Elias“ das Geleit zu geben. Lautes Hallo empfing ihn. Eine Musikkapelle unter Leitung des bekannten „Graf Schnöcks“ ließ mehrere Tuschs vom Stapel. Eifrige Hände hingen ihm um den Schornstein einen Lorbeerkranz, während Hunderte von Fahrgästen die einzelnen Wagen stürmten. Einige ganz Verwegene nahmen sogar auf den Dächern Platz. Vor der Lokomotive hält einer eine Ansprache, in der die Verdienste des „feurigen Elias“ gelobt werden, der über 32 Jahre treu und brav das Gemüse und all die vielen netten Leute vom Vorgebirge nach Bonn gebracht haben. Noch einmal ertönt der Signalpfiff des allbekannten Zugführers und jetzigen Fahrdienstleiters F l o h r auf dem Friedensplatz. Hüte und Tücher werden geschwenkt und das Lied „Weh, dass wir scheiden müssen“ gesungen. Unter dem Vorantritt der Musikkapelle und von zehn Fahnenträgern verließ das Zügelche den Friedensplatz, am Schulss geschoben von einer Reihe von Studenten. „Elias fährt und kehrt nie wieder“ würde Jean d’Arc ausgerufen haben, hätte sie diesen Abschied miterlebt. Unter Bimm-Bimm-Geläut fuhr er die Karl-Marx-Straße hinunter. Wie dicke Tränen quoll aus einem kleinen Röhrchen an der Außenseite der Lokomotive ein warmes Wasserstrählchen, das letzte, was die Karl-Marx-Straße zu sehen bekam. Es war zum Weinen, als die Lokomotive in die Nähe des Adolfsplatzes kam, wo sich ihr Keuchen anhörte wie: „Ach helft mer doch, ich kann net mieh, ach helft mer doch, ich kann net mieh“. Doch bald hatte sie sich von den Anstrengungen der leichten Steigung erholt, und ihrem freudigen Keuchen waren die Worte zu entnehmen: „Ich han et jepack, ich bruch dich net, ich han et jepack, ich bruch dich net“. So viel Menschen wie vorige Nacht hat der Ellerbahnhof wohl noch nie gesehen. Immer wieder mußte der „Elias“ läuten, um den Weg zu seinem letzten Ruheplätzchen in Dransdorf freizubekommen – Leer und verödet liegt der Friedensplatz. Ein paar Oelflecke und einige Schlacken sind die einzigen Überreste, die heute morgen noch an den „feurigen Elias“ erinnerten.

General Anzeiger, 4.7.1929:

Nachklänge zur letzten Fahrt des „feurigen Elias“ in Roisdorf-West

Ebenso großen Anteil wie die Bevölkerung der Stadt Bonn nahmen auch die Bewohner von Roisdorf an der letzten Fahrt des „feurigen Elias“. Hier bedeutete dieses Ereignis eine wahre Teilnahme an dem Schicksal dieses Verkehrsmittels, das vor kaum vier Jahrzehnten herbeigesehnt, im Laufe der Jahre mit dem Vorgebirge auf das innigste verbunden wurde, um nun, nach einer verhältnismäßig kurzen Lebensdauer, endgültig verabschiedet zu werden. Dass man den wahren Wert erst beim Verlust erkennt, bewahrheitete sich auch hier. Schwer dampfte der letzte Zug heran. Zwei Lokomotiven und einige leere Wagen, an dessen Schluss sogar die Lichter fehlten. Wie von einem Lebenden nahm man Abschied mit Blumen und Lied und Strauß. Sogar ein Abschiedsbrief wurde mitgegeben. Ein schriller Pfiff und langsam verschwand der Letzte in der Nacht. Das war kein fröhliches Erleben für mich!, so hörte ich meinen Nachbarn sprechen. Es war ein ehrliches Empfinden, bedeutet doch diese Bahn ein Stück Wirtschaft für viele. Die Epoche des Dampfes für die Vorgebirgsbahn ist für Roisdorf vorbei. Schweigend zog man heimwärts.

Aber wie im Triumpf erstrahlte der neue Bahnhof Roisdorf-West bereits in fast festlicher Beleuchtung, die durch die roten Lichter der Signale noch eindringlicher wirkte. Um 4.08 Uhr schon fuhr die erste Elektrische ein und mit ihr ein fortschrittlicher Geist, der dem Vorgebirge noch in so vielem nottut. …

Elektrische Vorgebirgsbahn bei Roisdorf, 1930er Jahre

Trotz des inzwischen hoffentlich vermehrt wirkenden fortschrittlichen Geistes im Vorgebirge ist der „Feurige Elias“ bis heute bei den Roisdorfern unvergessen. Noch immer erzählt man sich Geschichten von ihm. Es ist dabei nicht nur Erfreuliches, was an die folgenden Generationen weitergegeben wurde. So gab es vor Gericht ausgetragene Grundstückstreitigkeiten beim Bau der Strecke oder den tragischen Tod des an Fastnacht 1904 unter den Zug geratenen Dorforiginals Wilhelm Hoppe. Im Jahre 1911 kam in gleicher Weise die an den Gleisen spielende 3-jährige Tochter der dort wohnenden Familie Hartmann ums Leben. Mit der letzten regulären Bahn aus Bonn kam der junge Josef Görtz nach Roisdorf, wo er über lange Jahrzehnte als Lehrer, Rektor und fotografischer Dorfchronist wirken sollte. Erheitert erzählt man sich sogar noch aus eigenem Erleben, dass man nicht etwa wartete, bis das langsame Zügelchen endlich an der Haltestelle ankam, sondern bereits vorher in der Nähe des jeweiligen Wohnhauses abzuspringen pflegte. Fuhr man in Richtung Köln, so konnte es bei vollbesetzten Wagen passieren, dass die Passagiere bei der leichten Steigung am Bornheimer Ortsausgang dazu aufgefordert wurden, den Zug anzuschieben. Jugendliche machten sich einen Spaß daraus, dies zu befördern, indem sie die Gleise mit Schmierseife versahen.

Schienenstück des "Feurigen Elias"

Fast genau 85 Jahre nach der letzten Fahrt wurde im Mai 2014 eine besondere Stätte des Gedenkens an den „Feurigen Elias“ eingeweiht. Im Rahmen der Gestaltung des sog. „Hasenecks“, eines kleinen Erholungsplätzchens mit Bank und Wegekreuz an der Friedrichstraße, stellten Anwohner ein Stück der Bahnschienen auf, die man beim Ausbau der Straße kurz zuvor aufgefunden hatte. Betreiber dieser Aktion war übrigens der Roisdorfer Winand Flohr, ein naher Verwandter jenes Zugführers, der 1929 auf dem Bonner Friedensplatz – wie die Presse berichtete – den Signalpfiff zur letzten Fahrt gegeben hatte.

Zum guten Schluss noch eine zeitgenössisch in stadt-kölscher Sprache verfasste Hymne an "Uns Bähnche":

Am Vörgeberg uns Bähnche fäht
vun Kölle bes noh Bonn.
Dat Bähnche ess de Möhte wäth,
mer han vill Freud dervon.

Der Lukkemotiv ess’t evve vill,
ov hinge se ess ov vör;
dat Ding läuf we en Kaffeemüll
un hält an jeder Dhör.

Am Vörgeberg uns Bähnche wor
‘ne komplizeede Bau:
Mer han gebaut ald sibbe Johr,
un immer noch kein Rauh.

Hee fählt e Stöck und do e Stöck,
an Wage fählt et och -
und ham’mer noch en Zick lang Glöck,
dann weed se fädig doch!

Uns Bähnche läuf bahl grad, bahl scheif
un mäht mänch Kehr un Krömm.
Durch ein Dörp mezze durch sei läuf,
öm andre läuf se eröm.

Wo mezze sei em Dörpche litt,
wünsch mallig se widder erus;
und wo se dröm eröm sich drieht,
wünsch fass mer sei an’t Hus.

Uns Bähnche hät der Klasse zwei,
besatz ess jede Hött
met Männer, Wiever, Ditzeschrei,
met Mange, Körv und Pött.

De Hähre schmoren ehr Zigar,
dä Landmann qualmb sing Pief;
et rüch esu schön un wunderbar -
doch mäht dat Setze stief.

Gemöhs, Gedhiersch und Zuppegröns
un Obs von alle Aat
brängk uns kommoder noch als söns
dat Bähnche op der Maat.

Un wat de Börger Avfall nennt,
ess alles Besserei,
dat fäht uns Bähnche permanent
de Boore widder bei.

Em Summer kumme se us der Stadt
met ganze Zög op et Land;
zoeesch sin sei vun Hunger matt,
dernoh dann weed geschant.

Wenn dann dat Lukkemotivche och
ens us de Schinne flupp,
dat schad nix, denn et weed jo doch
flöck widder eren gestupp.

Dat beste es op jeden Fall:
De Bahn verdeent schön Geld;
als Actionäre sin mer all
vörtrefflich dann gestellt.

Mänch einer süht dat Ding vun fään
un schöddelt met dem Kopp;
meer ävver han uns Bähnche gähn
un fahre fließig drop.

Seht Ehr, dat ess noch en Bahn,
we Boor un Börger well;
se däue dran, se trecke dran
un halde döckes stell . . .

J. St.

(Quelle: Julius Genske, 110 Jahre Köln Bonner Eisenbahnen (KBE) – Köln - Brühl – Bonn. Vorgebirgsbahn „Feuriger Elias“ – heute Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), in: Brühler Heimatblätter, 1/2008, S. 1-6.)

Vorgebirgsbauern auf dem Kölner Heumarkt, 1890er Jahre