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St. Martin bringt das Dorf zum Leuchten

Uraltes Brauchtum in moderner Form

„De hellije zente Mäertes, dat woar ne joode Mann./
Er joov der Köngde Kearzje on stooch se seleve aan./
Botz, botz, wedde botz, dat woar ne joode Mann./

Hier wohnt ein reicher Mann, der uns vieles geben kann./
Viel soll er geben, lange soll er leben!/
Selig soll er sterben, das Himmelreich erwerben!/
Lasst uns nicht so lange, lange stehn,/
denn wir müssen weitergehn, weitergehn!“

St. Martin 2013, Frank Nelles

In jedem Jahr am Vorabend des Festes des hl. Martin von Tours ziehen die Roisdorfer Kinder durch die Straßen ihres Ortes und singen dieses Lied zu Ehren des bedeutenden frühchristlichen Heiligen. So schön das Lied auch klingt, so seltsam erscheint aber doch, dass eigentlich nichts über Leben und Wirken des guten hl. Martin ausgesagt wird. Dass er aber, wie das Lied behauptet, den Kindern Kerzchen gegeben und sie selbst angezündet habe, ist weder in Martins Lebensbeschreibung zu finden, doch könnte es der Grund für seine große Verehrung sein. Was also hat es mit diesem bereits im 19. Jahrhundert beliebten Lied auf sich.

St. Martin mit Gänselieseln und Gänsejungen, ca. 1927

Das Lied führt uns zurück in eine Zeit, in der das Martinsbrauchtum noch nicht die heute im Rheinland vertrauten Formen hatte: St. Martin in römischer Soldatenuniform – mancherorts auch in bischöflichem Ornat – hoch zu Ross, festlicher Zug der singenden und bunte Papierfackeln tragenden Kinder, Blaskapellen und Gänsewagen, großes Feuer an zentraler Stelle des Dorfes, organisierte Verteilung von Weckmännern an die Kinder und Martinsverlosung.

All dies wurde erst in den 1920er Jahren im Rahmen einer umfassenden Reform des rheinischen Martinsbrauchtums eingeführt. Man änderte damals die althergebrachten Formen des Brauchtums, da diese nicht mehr in die moderne Zeit zu passen schienen. In Bonn, seit jeher einem Zentrum der Martinsverehrung, wurde der erste Martinszug im Jahre 1924 organisiert. In Roisdorf folgte man diesem und dem Vorbild anderer Orte ringsum. Für 1929 ist erstmals ein eigener Roisdorfer Martinszug belegt, doch könnte der erste Zug auch bereits ein oder zwei Jahre früher durch die Dorfstraßen gezogen sein.

St. Martin verteilt Weckmänner im Kindergarten, 2012

Wie sah nun das Martinsbrauchtum im Rheinland vor der Reform aus? Seine wichtigsten Elemente waren die sogenannten Heischegänge und die Martinsfeuer, beides allein von der Dorfjugend, den „Meartesjonge“ organisiert. Bei den Heischegängen, (= Bitt- oder Bettelgängen) ist zwischen dem Gang, der der Beschaffung von Brennmaterial für die Martinsfeuer diente und der daher in den Tagen oder gar Wochen vor dem Martinsabend stattfand, und dem Gang zur Beschaffung von allerlei Lebensmitteln am Martinsabend selbst zu unterscheiden, auch wenn beides durchaus ineinander übergehen konnte. Ein von der Ahr überliefertes Lied zeigt, was man als Brennmaterial bevorzugte: „Dotz, dotz Dollendorf, jett oss nen aalen Meeteskorf, jett os en Büsch Strüh, verbrenne mer Läus on Flüh.“ Insbesondere alte Körbe wurden also erbeten. Dass man gerade sie zum Verbrennen bestimmte, scheint zum Zeichen für das Ende der Erntezeit geschehen zu sein. Auf die uralte Vorstellung von der reinigenden Kraft des Feuers verweist dagegen das Stroh, mit dem Läuse und Flöhe verbrannt werden sollten. Selbst gegen die Mäuseplage sollte das Verbrennen des Strohs helfen. So riefen z.B. in Lengsdorf die Jungen beim Heischegang aus: „Mus, Mus komm erus, us dem ahle Wiertshuus“, dies zum Zeichen, das man die Mäuse herauslocken und ebenfalls unschädlich machen wollte. Mancherorts wurden auch die „Meartesbotz“ und andere alte Kleidung erbettelt: auch diese Sitz des zu vernichtenden Ungeziefers und damit symbolisch von allerhand Bösem.

Martinsfeuer auf dem Kirchenvorplatz

Nicht nur eine, sondern gleich mehrere Gruppen von Jungen eines Dorfes bemühten sich um das Sammeln von Brennmaterial – jede Gruppe für ein eigenes Martinsfeuer. Auch in Roisdorf wurden so stets an verschiedenen Stellen Martinsfeuer aufgebaut. Da jede Gruppe natürlich das größte und schönste Feuer haben wollte, konnte es nicht ausbleiben, dass man sich das gesammelte Brennmaterial gegenseitig streitig machte. Eine Bewachung war nötig, damit das Brennmaterial nicht gestohlen oder gar vorzeitig von einer konkurrierenden Gruppe angesteckt wurde. Insbesondere vor den Jungen aus den Nachbarorten hatte man sich zu hüten. So nahmen etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts Roisdorfer Jungen, die ihr Brennmaterial im Hüsbroich oberhalb der Wolfsburg aufschichteten, den Feldschütz mit, der die Botzdorfer Dorfjugend fernhalten sollte.

St. Martin im Saal des Roisdorfer Wohlfahrtshauses, ca. 1950

Der Heischegang am Martinsabend galt, wie gesagt, den Lebensmitteln: also Äpfel, Birnen, Nüsse und Weck. Der heute selbstverständliche Weckmann, im Bonner Raum „Hitzemann“ genannt (ein ursprünglich einen Bischof darstellendes Gebildebrot) wanderte erst später vom Nikolaus- ins Martinsbrauchtum. Auf die „Butzen“, also die getrockneten Apfel- und Birnenscheiben, die man sich als Süßigkeiten erbat, verweist das „Botz, botz wedde botz“ des Martinslieds. Man verschmähte aber auch Würste nicht. Da um den Martinstag herum oft geschlachtet wurde und die Frauen Wurst kochten, lautete ein Impekovener Martinslied: „Meartesovend/ maache de Wiewer de Wüerschje,/ wenn se keene Teller hann,/ dann hange se se op de Düerche.“ Natürlich wurde den Spendern der guten Gaben herzlich gedankt. Unser Martinslied, in dem dem „reichen Mann“ für seine Gaben das Himmelreich verheißen wird, gehört an diese Stelle. Geizhälse hatten hingegen Spottverse zu erwarten. Verbreitet waren im Bonner Raum die Sprüche „Dat Huus steht op eenem Penn, der Gitzhals, der wonnt medden drin.“, und „Et soß en Kroh op dem Daach, on peckt der Maad e Og us, e Og us, e Og us.“

Knollenfackel in Bad Bodendorf, Foto: Thomas Zilch

Dass bei dem abendlichen Heischegang Kerzen bzw. Laternen mitgeführt wurden, bezeugt unser Martinslied, bei dem der Vers „er joov der Köngde Kearzje on stooch se seleve aan“ aus dem ursprünglichen „er schnick sich e Stöck vom Mantel av on joov et em ärme Mann“ umgedichtet wurde. Papierfackeln waren dagegen noch unbekannt, sogar die ausgehöhlten Runkelrüben mit eingeschnittenenen Gesicht sind eine recht junge Zutat.

Teilnehmer am Martinszug

Als Grund für das Mitführen von Lichtern, anders etwa als dies bei den Heischegängen vor der Fastenzeit üblich war, hat die Brauchtumsforschung die Perikopen zum Fest des hl. Martin ausgemacht, also die Evangelientexte, die in den Messen dieses Festtages verwendet wurden. In der Zeit seit dem Konzil von Trient 1545/63 war dies die Stelle aus dem Lukasevangelium (LK 8,16): "Niemand zündet ein Licht an und deckt es mit einem Gefäß zu oder stellt es unter das Bett, sondern man stellt das Licht auf den Leuchter, damit alle, die eintreten, es leuchten sehen." Dies galt es, als gleichsam bildgewordene Predigt darzustellen.

Äerzebär in Euskirchen-Kirchheim

Beim Heischegang in unserer Gegend wurde auch häufig der „Äerzebär“ wie ein Tanzbär mitgeführt, der auch bei anderen Festen des Jahres, wie beim Ende der Weinlese und an Fastnacht – dessen heutigen Formen ebenfalls nicht zuletzt eine Umformung der traditionellen Heischegänge darstellen – in Aktion trat. Das Hauptbekleidungsstück des Äezebär war ein über den Kopf gestreifter Sack, als Kopfbedeckung diente ein umgedrehter Korb, um den Rumpf hatte er einen Wickel aus Erbsenstroh, ein Fuchsschwanz war an entsprechender Stelle angeheftet. Korb und Stroh können dabei als Hinweis auf das Martinsfeuer verstanden werden.

Ein ganz ursprüngliches Martinslied, wie es beim Heischegang in Bonn gesungen wurde, findet sich im "Rheinisches Lesebuch. Drittes und viertes Schuljahr", Verlag W. Crüwell, Dortmund o.J.:

He Zinter Mä'te,
dat waorne gode Mann,
da deelt singe Mantel
met enem arme Mann.
Dä Dreifooß, we häsch dä Fooß;
da kaom eine Mann met Kuchen herus,
us de selwige Manns Hus,
raohden dit, raohden dat,
we jett hätt, dä schött de Knapsack.
Mätensowend maache de Wihwer de Wührsch,
on wann se Wing em Keller hann,
dann drinken se, wann se dührsch.
Wingchen en dä Fläsche,
Gellchen en dä Täsche:
Wingche moß gedrunke senn,
Gellche moß verzehrt senn.
Muus, Muus, komm eruus,
breng e gruß Stöck Holz eruus.
O gett dem arme Mä'tesmännchen
doch en klen Stöckelche Ho-lz!

Gänsewagen, ca. 1963

Das erbetene Stücken Holz ist natürlich für das Martinsfeuer gedacht. Dessen Ursprung ist, wie bei anderen Jahresfeuern, kaum zu klären. Auf seine Funktion als Reinigung von Unreinem und Bösem wurde bereits hingewiesen. Das Feuer betrachtete man aber auch als Schutz vor Frost, Blitz und Hagelschlag. Mancherorts glaubte man, dass – soweit Asche fliege – die Felder fruchtbar würden. Ob man auch bei uns solche Vorstellungen pflegte, ist nicht bezeugt. Das Martinsfeuer diente vielmehr eher der Belustigung der Dorfjugend, die um es herumtanzte und allerhand Unfug trieb, etwa die Mädchen mit Asche schwarz machte.

Martinsspiel der Kindergartenkinder in der Pfarrkirche, 2013

Weltliches und Geistliches mischt sich im Martinsbrauchtum, sowohl in der früheren, als auch in der heutigen, reformierten Weise des Feierns. Man mag bedauern, dass das Brauchtum durch die Reform viel von seiner Ursprünglichkeit verloren hat, dass lokale Besonderheiten ausgelöscht wurden. Positiv ist jedoch zu werten, dass man in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Form fand, in der das Brauchtum, das bereits als aussterbend galt, am Leben erhalten und sogar noch weiter verbreitet werden konnte. Zudem wurde durch die Reform die bedeutende Heiligengestalt des hl. Martin, dessen sich die Kinder auf ihren Heischegängen einst kaum bewusst gewesen sein dürften, wieder in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt. Erfreulich ist aber auch, dass die Reform nie hat verhindern können, dass die Kinder an Martinsabend nach dem Zug auf eigenen Faust mit ihren Fackeln singend durch das Dorf ziehen, um in den einzelnen Häusern zu „schnöerzen“. In der Form des Schnöerzens ist so ein Stück urtümliches Brauchtum erhalten geblieben.

Lieder, mit Noten und Ton, ferner Informationen über Leben und Wirken des hl. Martin von Tours sowie über das mit seinem Gedenken verbundene Brauchtum finden Sie auf den großartig gemachten Internetseiten des Erzbistums Köln:

http://www.martin-von-tours.de