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Der Hitzemann

Ein bedrohtes Wort mit langer Tradition

"Hitzemann" - nur echt mit Pfeife!

Zu den bedrohten Wörtern im Vorgebirgsplatt gehört gewiss auch der Begriff „Hitzemann“. Er bezeichnet im Bonner Raum, und offenbar nur hier, das, was über diesen Raum hinaus auch „Weckmann“ oder „Stutenkerl“ genannt wird: Ein Hefegebäck in der Form eines Mannes mit Rosinenaugen und Tonpfeife, das am Martinsabend an die Kinder verteilt wird.

Man hört den Begriff nur noch selten. Es wäre aber sehr schade, wenn der "Hitzemann" gänzlich aus unserem heimatlichen Sprachschatz verschwände, denn er hat einen äußerst spannenden kulturhistorischen Hintergrund.

St. Martin in Bocholt, 1966

Zunächst ist daran zu erinnern, dass der Hitzemann bzw. Weckmann erst im frühen 20. Jahrhundert vom St.-Nikolaus-Brauchtum in das St.-Martins-Brauchtum gewandert ist, wo er den Martinsstuten oder -weck macherorts verdrängt hat. Nicht nur wegen der zeitlichen Nähe des Nikolaus- und des Martinsfestes ist dies erklärlich, sondern auch, weil beide bedeutenden Heiligengestalten Bischöfe waren, wie denn auch in manchen Gegenden St. Martin im Martinszug als Bischof gekleidet mitreitet. Einen Bischof stellt jedenfalls dieses sog. "Gebildebrot“ dar: Die Tonpfeife, die der Hitzemann im linken Arm trägt, steht dabei bekanntlich für den Bischofsstab – übrigens ist der Kopf der Pfeife, anders als auf unserem Bild, korrekterweise oben und nach außen gerichtet, wie auch der Bischof die Krümme seines Stabes nach außen kehrt, zum Volk hin, das er als Hirte leitet. Die Pfeife durch einen Lolli zu ersetzen, wie dies bisweilen geschieht, mag zwar politisch korrekt sein, aber wohl kaum förderlicher für die Gesundheit der Kinder, verunklärt zudem die eigentliche Bedeutung des Weckmanns.

Hirschhörnle

Dass man den Weckmann bei uns nun traditionell „Hitzemann“ nennt, hat jedoch nichts mit der Hitze zu tun, in der er gebacken wird, und erst recht nichts mit der Hitze des Martinsfeuers, sondern wird von der volkskundlichen Forschung von „Hirz“, dem mittelhochdeutschen Wort für Hirsch abgeleitet. Deutlicher ist dies noch in der südlich von Bonn zu findenden Variante "Hirzemann" erkennbar.

Gebildebrote in der Form eines Hirschen oder eines Hirschgeweihs sollen also dem Mann aus Weck seinen Namen gegeben haben. Heute noch gibt es als Nikolaus-Gebäck im Altbayerischen sowie im Alemannischen, also in der Schweiz und im Elsass, die sog. „Hirschhörnle" bzw. "Hirschhörnli“ als hirschgeweihartig geformte Plätzchen. Belegt sein sollen Hirschhörnchen auch für das uns weit näher liegende Siegerland.

Keltischer Gott "Cernunnos" auf dem Kessel von Gundestrup

Bei den „Hirschhörnle“ vermutet man, dass sie an „Cernunnos“, den "Gehörnten" erinnern, den mächtigen Gott der alten Kelten, der ein Hirschgeweih trug. Zu dessen Ehren veranstaltete man ehedem das „Hirschenlaufen“, einen Brauch, bei dem man sich offenbar als Hirsch verkleidete. Dieser heidnische Brauch überlebte die Antike und wurde im Mittelalter selbstverständlich von der Kirche missbilligt. So findet sich in einem Beichtspiegel des 8. Jahrhunderts die Frage: „Hast Du dergleichen getan, wie Heiden tun, nämlich zu St. Nikolaus einen Hirschen gespielt?“

"Klausentreiben" im Allgäu

Hier nun schließt sich der Kreis: Das „Hirschenlaufen“ erfolgte zu St. Nikolaus am 6. Dezember – und dies geschieht sogar heute noch, etwa im Allgäu, in der Form des „Klausentreibens“. Hierbei ziehen die „Klausen“ als mit Fellen und Hörnern versehene Unholde polternd durchs Dorf.

Mit der Gestalt des hl. Nikolaus blieb der Hirsch auch andernorts verbunden, sei es als dessen Reittier (meist als weißer Hirsch) oder in der späten, säkularisierten Version als Rentier, das den Schlitten des Santa Claus zieht.

Verteilung der Hitzemänner durch den Roisdorfer St. Martin

Der Hitzemann/Hirzemann oder Weckmann, der bei uns, anders als in anderen Gegenden Deutschlands, weniger an Nikolausabend als an Martinsabend gegessen wird, ist demnach ursprünglich ein "Hirschmann" gewesen, wohl gar die Darstellung eines hirschgeweihtragenden Keltengottes. Er stellt damit heute das verchristlichte Relikt eines heidnischen Brauchs dar – eines Brauchs, der älter noch ist als der hl. Nikolaus und auch als der hl. Martin.

Der große Bischof von Tours musste sich, wie seine Lebensbeschreibung überliefert, oft und mit teils drastischen Mitteln um die Überwindung von allerlei barbarischen Unsitten und Bräuchen bemühen. Wenn St. Martin heutzutage am Martinsabend eigenhändig „Hitzemänner“ verteilt, so zeigt dies, dass er es sich inzwischen erlauben kann, die Dinge gelassener zu sehen.