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Der Sebatianusschrein

Das Rätsel um den Roisdorfer Sebastianusschrein –
Im Schneckentempo zur Lösung


Sebastianusschrein

Bei dem Einbruch in die Sakristei der Roisdorfer Pfarrkirche St. Sebastian im Herbst 2014, bei dem die gesamten historischen liturgischen Geräte – Monstranzen, Kelche etc. – geraubt wurde, übersahen die dreisten Diebe einen Reliquienschrein aus Messing, der in einem der Sakristeischränke ohnehin ein wenig beachtetes und reichlich verstaubtes Dasein fristete. Es lohnt sich, den glücklicherweise erhaltenen Schrein, in dem in der alten, 1973 aufgegebenen Kirche die Reliquien des Pfarrpatrons St. Sebastian aufbewahrt wurden, einmal näher zu betrachten, zumal er dabei ein Rätsel aufgibt – offenbar ist er nicht ganz das, was er sein soll.

Mara von Wrede, geb. von Conring

Wie der Sebastianusschrein nach Roisdorf kam, darüber gibt eine auf der oberen Profilleiste eingravierte Inschriften Auskunft: „In Erinnerung an Ihren Ehemann Ferdinand, Rittmeister a.D. + 19.11.1923 schenkte diesen Schrein der Pfarrkirche zu Roisdorf Freifrau Maria von Wrede geb. von Conring u. Kindern: Clemens, Ferdinand, Egon, Anneliese zur Aufnahme der Reliquien des heiligen Sebastian.“ Er ist mithin eine fromme Schenkung der Familie von Wrede-Melschede, welche die sog. „Gelbe Burg“ besaß, also das vom schwedischen Grafen Wilhelm von Mörner in den 1870er Jahren erbaute herrschaftliche Anwesen am Hang des Siefenfeldchens, gegenüber der Wolfsburg gelegen, heute als Therapiezentrum „Tauwetter“ dienend. Die von Wredes lebten dort von 1898 bis 1981, als der in der Inschrift erwähnte Dr. Clemens von Wrede schließlich Roisdorf verließ. Auf dem Sockel des Schreins findet sich zudem das Datum „20.I.1938“, versehen mit den Wappen der Familien von Wrede und von Conring. Offenbar wurde der Schrein also damals zum Fest des hl. Sebastian der Pfarrgemeinde verehrt.

Der ca. 30 cm lange und 15 cm breite, mit kräftigen Profilen und reichen Ornamenten versehene Schrein dürfte indes, worauf seine historistischen, Spätgotik und Renaissance kombinierenden Formen hinweisen, nicht etwa in den 1930er Jahren, sondern einige Jahrzehnte vorher angefertigt worden sein. Er wurde also wohl von den von Wredes im Kunst- bzw. Antiquitätenhandel erworben und dann mit der Inschrift versehen.

Stutzig macht nun, dass die vier Szenen, die als Reliefs an den Längsseiten zu sehen sind, nichts mit dem zu tun haben, was man von dem hl. Sebastian kennt, also dem römischen Gardeoffizier, der wegen seines Bekenntnisses zum christlichen Glauben zunächst mit Pfeilen beschossen und schließlich mit Keulen erschlagen wurde. Zu erkennen ist vielmehr bei jeder der Szenen, wie auch auf einer der Stirnseiten des Schreins, ein Mann mit Pilgerhut, -mantel und -stab, bei dem es sich nicht um Sebastian handeln kann, der nun wirklich kein Pilger war.

Wer aber ist es dann, und was hat der Abgebildete mit dem hl. Sebastian zu tun? Könnte es etwa der hl. Rochus sein, der oft als Mitpatron Sebastians erscheint, und dessen Statue in der Roisdorfer Pfarrkirche ihn tatsächlich als genau einen solchen Pilger zeigt. Aber dann würde man die Szene erwarten, bei der, wie bei der Roisdorfer Statue, ein Hund dem pestkranken Rochus Brot bringt. Diese Szene fehlt, und auch weitere Legenden, die man von Rochus kennt, lassen sich nicht auf das beziehen, was auf unserem Schrein dargestellt ist: So eine Gruppe von Menschen, die sich an einem Feuer wärmen, oder ein Mann, der halb in der Erde versunken die Umstehenden offenbar um Hilfe ruft … Auch etwa der Apostel Jakobus d.A., der meist in Pilgerkleidung dargestellt wird, ist mit diesen Szenen nicht in Verbindung zu bringen.

Zu der Lösung des Rätsels führt indes ein Detail, das man bei oberflächlicher Betrachtung übersehen könnte: Der Schrein wird an seinen vier Ecken von Schnecken getragen. Schnecken an einem Heiligenschrein? Sie sind schon ungewöhnlich. In der christlichen Symbolik wird die Schnecke meist als unreines, auf die Sünde verweisendes Tier gesehen – falls man in ihr nicht, war bisweilen auch geschieht, einen Hinweis auf die Auferstehung sieht: Die im Winter in ihrem Haus Eingeschlossene erscheint wie tot, bevor sie im Frühling wieder lebendig hervorkriecht. Aber Schnecke und Heiligenschrein, dafür gibt es nur eine Parallele: Das Grab des hl. Sebaldus in der Nürnberger Sebalduskirche, ein hochberühmtes Werk von Peter Vischer d.Ä. aus dem frühen 16. Jahrhundert. Hier wird der eigentliche Reliquienschrein von einem reichgestalteten Baldachin aus Bronze überfangen, der gleichfalls auf solchen Schnecken ruht.

Sebaldusgrab in der Nürnberger Sebalduskirche

Und dieser Nürnberger hl. Sebaldus wird in der Tat stets als Pilger dargestellt. Er war ein frühmittelalterlicher Einsiedler, der in Italien und in Franken segensreich wirkte. Auf ihn passen auch die Szenen der Grabreliefs, die seine Legende illustrieren, wie er etwa aus Eiszapfen ein Feuer entfachte, wie er einen Ketzer, der im Boden zu versinken drohte, rettete und damit bekehrte. Die Szenen auf unserem Schrein sind exakte Kopien derer des Sebaldusgrabes. Auf die Stadt Nürnberg verweist zudem deren Stadtwappen, welches, wie dort, vervielfacht das Rautenmuster auf den Dachflächen bildet.

Unser Schrein war also ursprünglich kein Sebastianus-, sondern ein Sebaldusreliquiar. Ob dies auch den frommen Schenkern im Jahre 1938 aufgefallen war? Es ist wenigstens zu hoffen, ansonsten müsste man davon ausgehen, dass man die beiden mit "Seba…" beginnenden Namen der Heiligen schlicht miteinander verwechselt hat. Wie dem auch sei, der Schrein ist allemal wert, einmal gereinigt zu werden und damit in seinen ursprünglichen Glanz zurück zu erhalten – als ein leider selten gewordenes Zeugnis der Roisdorfer Pfarrgeschichte. Immerhin wird er inzwischen im diebstahlsicheren Tresor verwahrt.