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Die Anfänge der Dorfschule (1815-1839)

".Opst" statt "Obst", "raupfen" statt "raufen"

Hilger-Thiesen-Straße

Als der Rat der Stadt Bornheim 1998 über die Benennung der Straßen des an die Roisdorfer St. Sebastianus-Grundschule angrenzenden Neubaugebietes zwischen Friedrichstraße, Bahnlinie und Brunnenallee zu befinden hatte, entschied man sich dafür, den Straßen solche Namen zu geben, die auf die Schule selbst und auf verdiente Pädagogen, die dort bzw. an ihrer Vorgängerin in der Brunnenstraße gewirkt hatten, Bezug nahmen. Die das ganze Gebiet durchlaufende Straße wurde so zum Sebastianusweg, die von ihr abgehenden Stichstraßen zu Josef-Görtz-Straße, Lucie-Simon-Weg, Johann-Heister-Weg und Hilger-Thiesen-Straße.

Während sich viele Roisdorfer noch lebhaft an Rektor Görtz (* 1908, † 1989) erinnern, der über Jahrzehnte hinweg das Dorfgeschehen fotografisch dokumentierte, ebenso manche noch das Fräulein Simon (* 1884, † 1966) auf ihrem samtbezogenen Betstuhl in der alten Pfarrkirche kniend vor Augen haben, auch einige um das langjährige Engagement des Hauptlehrers Heister (* 1859, † 1937) in Kirchenchor und Schützenbruderschaft sowie als Ortsvorsteher wissen, dürfte der Name Hilger Thiesen allenfalls denjenigen Roisdorfern ein Begriff sein, die von der zuletzt in der Bachgasse (Berliner Straße) wohnenden Familie Thiesen abstammen. Mit Hilger Thiesen wird jedoch an einen Pädagogen erinnert, der eng mit den Anfängen der eigenständigen, staatlich unterhaltenen Roisdorfer Elementar- bzw. Volks- und späteren Grundschule in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbunden ist.

Anfang der Schulchronik

Die Angaben der 1865 angelegten, im Bornheimer Stadtarchiv aufbewahrten Roisdorfer Schulchronik über diese Anfänge sind denkbar karg. „Vor dem Jahre 1811“, heißt es dort, „besaß Roisdorf keine eigene Schule. Bis dahin besuchten die Kinder des Dorfes die Schule zu Alfter. Erst im Jahre 1811 wurde in einem Privathause, welches einem Manne namens Mühlens zugehörte, eine eigene Schule gegründet. Die Zahl der Kinder betrug damals ca. 40 - 50. Der Lehrer hieß Billstein. Derselbe verließ 1816 Roisdorf; sein Nachfolger war Hilger Thiesen. Dieser unterrichtete die Kinder in einem größeren Zimmer eines Privathauses der Gemeinde bis zum Jahr 1837. Alsdann (1837) erbaute die Gemeinde ein eigenes für den Schulzweck bestimmtes Haus mit einer Lehrerwohnung. 1839 starb Thiesen, und es kam 1840 an seine Stelle der Lehrer Andreas Impekoven.“ Nahezu wortgleich wurden diese Angaben von dem Hemmericher Pastor Maaßen in seine 1885 herausgegebene Geschichte der Pfarreien des Dekanates Hersel, in der er stets auch die Entwicklung der Schulverhältnisse der Pfarreien betrachtete, übernommen. Von Maaßens Werk wiederum nahmen die wenigen späteren Äußerungen zu diesem Thema ihren Ausgang.

Erst der unverhoffte Fund eines Aktenheftes im Archiv der Pfarrei St. Sebastianus zu Roisdorf, betitelt „Kirche und Schule“, das eine Reihe von Schriftstücken zur Roisdorfer Schulgeschichte von 1817 bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein enthält, also noch in der Zeit angelegt wurde, als Roisdorf zur Pfarrgemeinde Alfter gehörte, und im Zusammenhang mit der Errichtung einer eigenen Roisdorfer Pfarrei 1891 nach Roisdorf gelangte, ermöglicht nun nähere Einblicke in die Anfänge der Dorfschule. Die Dokumente machen dabei deutlich, daß die knappe rückblickende Darstellung der Schulchronik einiger Korrekturen bedarf. Ergänzen läßt sich das durch den Aktenfund zu gewinnende Bild durch die Lebenserinnerungen des Roisdorfer Ortsvorstehers Wilhelm Rech (* 1828, † 1914), der selbst noch bei Lehrer Thiesen zur Schule ging, sowie durch eine Reihe von Aktenstücken des Bornheimer Stadtarchivs.

Schulverhältnisse in der Franzosenzeit

Alfterer Vikarie

Die Verantwortung für die Schulen und die Anstellung von Lehrern auf dem Lande hatte in kurkölnischer Zeit, als Roisdorf Teil der Herrlichkeit Alfter war, vor allem bei den einzelnen Pfarreien gelegen, wo fromme Stiftungen den Unterhalt der Schulen sicherten. Entsprechend ihrer Pfarrzugehörigkeit hatte für die Roisdorfer die Möglichkeit bestanden, ihre Kinder in Alfter zur Schule zu schicken, wo die Pfarrei seit 1671 über eine Schulvikarie verfügte, also über einen Stiftungsfonds, aus dem der Unterricht für Jungen finanziert wurde, den der Vikar oder der Küster erteilte. Mädchen hatten von den Augustinerschwestern des dortigen Annaklosters Unterricht in Lesen, Schreiben, Handarbeiten und dergleichen erhalten können. Eine Schulpflicht hatte freilich nicht bestanden: der Unterricht war in der Regel ohnehin nur in den Wintermonaten abgehalten worden, wenn in Acker und Weinberg weniger Arbeiten anfielen und die Arbeitskraft der Kinder entbehrlich war.

Karte Roisdorfs aus der Franzosenzeit

Die Zeit von 1794 bis 1814, in der das linksrheinische Gebiet von französischen Revolutionstruppen besetzt bzw. Teil der Französischen Republik und des Kaiserreichs Frankreich war, brachte für die Roisdorfer Bevölkerung zahlreiche Veränderungen mit sich. Nicht nur mußte man sich an die französische Amtssprache gewöhnen: Roisdorf gehörte fortan nicht mehr zur Herrlichkeit Alfter, sondern zur Mairie (Bürgermeisterei) Waldorf. Von Alfter wurde es gar durch die Grenze zwischen dem Departement de la Roer (Rur-Departement) und dem Departement Rhin-et-Moselle (Rhein-Mosel-Departement) getrennt. Auch die Besitzverhältnisse in Roisdorf änderten sich grundlegend. So wurden 1802 die Güter der rheinischen Klöster und Stifte verstaatlicht, also auch die des Bonner Cassiusstiftes, des Bonner Klosters Dietkirchen, des Kölner Clarissenklosters und des Alfterer Annaklosters, denen in Roisdorf mehr als die Hälfte der Weinberge, Äcker und des Waldes gehört hatte. Diese die gelangten nun in weltliche Hände, wovon auch einige einheimische Familien zu profitieren verstanden. Die Einführung des „Code civil“ bewirkte bürgerliche Freiheiten und die Gleichstellung aller Bürger vor dem Gesetz, doch standen diesen Fortschritten zahlreiche kriegsbedingte Bedrückungen gegenüber, unter denen die Bevölkerung zu leiden hatte und die zunahmen, je länger sich die von Kaiser Napoleon geführten Feldzüge hinzogen.

erstes Bornheimer Schulhaus

Das Schulwesen auf dem Lande erfuhr seitens der französischen Behörden im keine besondere Förderung, wenn überhaupt gab es nur lokale Initiativen hierzu. Eine Schulpflicht bestand ebenso wenig wie zuvor unter kurkölnischer Verwaltung. Für die Roisdorfer brachte die Aufhebung des Alfterer Annaklosters 1802 mit sich, daß die Mädchen dort keinen Unterricht mehr erhalten konnten. Im gleichen Jahr wurde per Gesetz der Unterhalt der Primarschulen den Zivilgemeinden übertragen. So wurde auch die Alfterer Schulvikarie der Pfarrgemeinde entzogen und der Zivilgemeinde übertragen. Hatten bereits vorher die Küster oder andere Männer den Schulvikar beim Unterricht unterstützt, so ging nun der Unterricht für Jungen und für Mädchen allein in die Hände des vormaligen Hilfslehrers über. Dieser, ein Schreinermeister namens Christian Clemens, hielt die Schulstunden nicht mehr im Vikariatsgebäude, sondern zuhause in seiner Werkstatt ab.

Es gab jedoch auch die Möglichkeit, die Roisdorfer Kinder nach Bornheim zum Unterricht zu schicken, wo bis 1804 ebenfalls Schulvikare gewirkt hatten, und nun, auf Betreiben des Maire von Waldorf und Bornheimer Burgherren, des Max Friedrich von Waldbott, vom Gemeinderat der Stellmachergeselle Johann Walraf zum Schullehrer bestellt wurde. Walraf, der sich in Abendkursen in Schreiben, Rechnen und dergleichen weitergebildet hatte und 1807 eine staatliche Prüfung mit Erfolg absolvierte, betrieb die Schule bis 1813 jeweils in den Wintermonaten, wobei er von dem geringen Schulgeld seiner Schüler lebte, da es seitens der Zivilgemeinde keinerlei Zuschüsse gab. In der Lebensbeschreibung, die Johann Walraf im hohen Alter verfaßte, erwähnt er, daß auch aus den benachbarten Dörfern Sechtem, Roisdorf, Brenig und Dersdorf Kinder zu ihm in die Schule kamen und für die damalige Zeit gute Fortschritte machten. Auf zwei seiner Schüler weist er mit besonderem Stolz hin: Zum einen auf Andreas Flohr, der als sein Nachfolger 58 Jahre lang, bis 1871, an der Bornheimer Schule wirken sollte, zum anderen auf Hilger (Hilarius) Thiesen aus Roisdorf, der in dessen Heimatort Lehrer werden sollte.

Kinder aus den umliegenden Ortschaften, einschließlich Roisdorf, besuchten jedoch auch den Unterricht des aus der Diözese Lüttich übersiedelten Schulvikars Johann Georgius Majères in Waldorf, der ihnen vor allem die angesichts der herrschenden Verhältnisse nützliche französische Sprache beibringen konnte. In Roisdorf selbst aber war es ebenfalls möglich, Schreiben, Lesen und Rechnen zu erlernen. Wie später der Dorfchronist Rech zu berichten weiß, wirkte hier zu dieser Zeit ein Schneider namens Knott, der neben seinem Handwerk Unterricht erteilte, also offenbar eine weder staatlich noch kirchlich anerkannte, aber doch geduldete sogenannte Winkelschule betrieb, über die ansonsten nichts näheres zu ermitteln ist.

Aufbau des preußischen Schulwesens im Rheinland

Kosakentruppe 1813

Der Übergang von der französischen zur preußischen Herrschaft am Rhein ging, wie Lehrer Walraf rückblickend berichtet „ziemlich friedsam“ vonstatten, wenngleich sich an den kriegsbedingten Bedrückungen, unter denen die Bevölkerung im Vorgebirge zu leiden hatte, kaum etwas änderte, von einer „Befreiung“ nicht die Rede sein konnte. Nach der verlorenen Schlacht von Leipzig im Oktober 1813 mußten für die abziehenden französischen Armee Transportdienste geleistet werden, hatte man Einquartierungen und Requisitionen der ihnen nachsetzenden Preußen und deren Alliierten, u.a. Russen, Tataren, Schweden, Hessen und Sachsen, zu erdulden. Die Roisdorfer erinnerten sich noch lange mit Schrecken daran, wie 1814 der Ortsvorsteher Lambert Schmitz von den Kosaken des Generals Jussefowitsch, die in Roisdorf einquartiert waren, aufs Rad gebunden wurde, da kein Heu für die Pferde der Besatzer zu beschaffen war, und man ihn erst befreite, als die Bevölkerung ersatzweise getrocknetes Schilf herbeibrachte. Noch bis zur endgültigen Zuweisung des linksrheinischen Gebiets an das Königreich Preußen durch den Wiener Kongreß und dem endgültigen Sieg über Napoleon bei Waterloo im Sommer 1815 dauerten Rekrutierungen, Einquartierungen, zu leistende Transportdienste, Schanz- und Festungsarbeiten fort.

Lehrerseminar Brühl

Bereits während der provisorischen Verwaltung der nördlichen rheinischen Departements durch Preußen gingen die Behörden jedoch bereits daran, das gesamte Schul- und Bildungswesen einer umfassenden Revision zu unterziehen. So ordnete der neuberufene Schuldirektor für den Niederrhein, Karl Friedrich August Grashof, im Sommer 1814 eine intensive Befragung über die Schulverhältnisse in den einzelnen Gemeinden an, die ergab, daß oft nur ein Drittel der Kinder im schulfähigen Alter, also von 6 bis 12 Jahren, eine Schule besuchten, die Lehrer schlecht ausgebildet und Schulgebäude in schlechtem Zustand waren. Eine von Grashof in Aachen zusammengerufene Konferenz zur Neuordnung des Elementarschulwesens legte noch im Herbst 1814 einen umfangreichen Katalog mit Verbesserungsvorschlägen zum Zweck der „Ausbildung sämtlicher Geisteskräfte der Kinder“ in den Elementarschulen vor. Gleichzeitig begann auf Grashofs Initiative hin Johann Kaspar Schug, Leiter einer Erziehungsanstalt in Brühl, Ausbildungs- und Fortbildungskurse für Lehrer an Landschulen abzuhalten. Hier sollten moderne, aus dem Geist der Aufklärung entwickelte Lehrmethoden vermittelt werden. So verbreite man sich über „Stephanis Methode des Lesenlernens, Pestalozzis Anschauungslehre der Maß- und Zahlenverhältnisse, Anleitung zu Denkübungen nach Krause und die Natorpsche Gesanglehre.“

Unter den etwa 150 Teilnehmern der Brühler Kurse befand sich auch ein junger Roisdorfer namens Franz Bilstein, der Sohn des aus Sobernheim an der Nahe stammenden und als Aufseher am Mineralbrunnen beschäftigten Edmund Bilstein. Der junge Bilstein – sein Geburtsjahr ist nicht bekannt – dürfte zusammen mit Eltern und Geschwistern im Brunnenkontor gewohnt haben, also dem 1774 errichteten Fachwerkhaus mit Mansardendach, das später in die Siegesgasse transloziert wurde und heute noch an der Ecke Siegesstraße/ Heilgersstraße steht. Er absolvierte seine Prüfung bei Professor Schug im Oktober 1815 und scheint umgehend Schulunterricht für die Roisdorfer Kinder angeboten zu haben, den er jedoch bereits nach wenigen Wochen oder Monaten aus unbekannten Gründen wieder einstellte. Jedenfalls erklärte Bilstein später, daß er „schon im Jahre 1815 Lehrer hiesiger Gemeinde war ...“ Gemäß dem Dorfchronist Wilhelm Rech hielt Bilstein seinen Unterricht in dem alten Tanzsaal der Gastwirtschaft Schlitzer ab, der an der Stelle des späteren Pastorats, also an der Ecke Siegesgasse/ Siefengasse (Siefenfeldchen), mithin neben der alten Zehntscheune und gegenüber der Kapelle St. Sebastianus, gelegen war.

König Friedrich Wilhelm III.

Unterdessen bemühte man sich seitens des preußischen Staates, das Schulwesen neu zu ordnen. Bereits in seiner „Proklamation an die Einwohner der mit der Preußischen Monarchie vereinigten Rheinländer“ vom 5. April 1815 erklärte König Friedrich Wilhelm III.: „Ich werde die Anstalten des öffentlichen Unterrichts für eure Kinder herstellen, die unter den Bedrückungen der vorigen Regierung so sehr vernachlässigt wurden.“ Neben der Verbesserung der Lehrerausbildung hielt man hierbei eine effektivere Schulaufsicht für dringlich. Es wurden Geistliche als Schulpfleger bestellt, die den Auftrag hatten, von der Notwendigkeit der Schulverbesserung durchdrungene Männer als Ortsschulvorstände vorzuschlagen, die als Zwischeninstanz zwischen Behörden und Schulen bzw. Lehrern fungieren sollten. Den Ortsschulvorständen sollten der Pfarrer oder ein Vikar, der Bürgermeister oder ein Gemeinderatsmitglied und für jede Schule ein Familienvater angehören. Zu ihren Aufgaben gehörte „die Aufnahme der schulfähigen Kinder, Berichte über den Zustand der Schulen und Vorschläge zu Verbesserungen“. Mit der Einbeziehung der Geistlichen wurde die Kirche wieder an der Schulaufsicht beteiligt, die ihr in der französischen Zeit entzogen worden war. So bildete der Landkreis Bonn mit dem Bonner Oberpfarrer Iven einen eigenen Schulpflegebezirk, war für die Schule in Alfter und damit auch Roisdorf der Alfterer Pastor, Caspar Reger, als Schuldirigent zuständig.

Die Gründung der Dorfschule

Daß es ein Bedürfnis nach Errichtung einer eigenen Dorfschule in Roisdorf gab, hatte schon die Winkelschule des Schneiders Knott und die kurzzeitig 1815 von Franz Bilstein betriebene Schule gezeigt. Auch in Roisdorf bildete sich daher ein Ortsschulvorstand, dem neben Pastor Reger als Vertreter der Zivilgemeinde der Schöffe (Gemeinderatsmitglied) Theodor Hartmann angehörte, ein in der Brunnengasse wohnender, im Dorf besser als „Knings-Dores“ bekannter Ackersmann (Landwirt), sowie als Familienvater Christian Thiesen, ebenfalls Ackersmann, der den „Gödderetz“ genannten Hof in der Siegesgasse bewirtschaftete und unter seiner zahlreichen Nachkommenschar zwei Kinder im schulfähigen Alter hatte sowie drei weitere, die in den nächsten Jahren in dieses Alter kommen sollten.

Bevor man die staatliche und kirchliche Genehmigung für die Einrichtung einer Dorfschule erhalten konnte, war zunächst zu ermitteln, wie viele schulfähige Kinder es in der Gemeinde gab. Nach Vorgaben der Schulbehörden fertigten Hartmann und Thiesen daher zu Beginn des Jahres 1817 Listen der in den Jahren 1802 bis 1811 einschließlich geborenen Jungen und Mädchen an. Straßenweise wurden die Kinder sowie die Namen und die Berufe der Väter erfaßt, es wurde verzeichnet, ob die Eltern noch lebten, weiterhin Jahr und Monat der Geburt und das Datum der Erstkommunion. Wichtig war auch zu prüfen, ob die Eltern in der Lage sein würden, das vorgesehene Schulgeld von 1 Stüber (monatlich) zu bezahlen, ob ihnen angesichts ihrer finanziellen Verhältnisse nur ein halber Stüber zugemutet werden konnte oder ob das Schulgeld ihnen – Armut halber – ganz zu erlassen war. Wenn auch die Gemeinde zur Finanzierung des Unterhalts der Schulen verpflichtet war, so hatte doch schon das Protokoll der Aachener Konferenz von 1814 die Beibehaltung eines Schulgelds befürwortet, gleichsam als Band, das die Eltern stärker an die Schule knüpfen solle. Weiterhin notierte man, ob bzw. wo die Kinder bisher die Schule besuchten, ob die Jungen etwa in einer Fabrik arbeiteten oder ob die Kinder vom täglichen Schulbesuch freigesprochen werden könnten.

Abschrift der Liste der Roisdorfer Kinder

Insgesamt 108 Kinder, 61 Jungen und 47 Mädchen, wurden auf diese Weise verzeichnet, die jeweils – auch dies hatte man notiert – von der nächstgelegenen Schule (in Alfter oder Bornheim) einen Weg von 15 bis 30 Minuten entfernt wohnten. Tatsächlich besuchte jedoch nur ein Bruchteil von ihnen den Unterricht: So gingen von den Jungen vier in Alfter, also bei Lehrer Clemens, zur Schule, drei in Waldorf, also bei Lehrer Majères, unter ihnen auch Christian Thiesens Sohn Michael. Von den Mädchen gingen zwei nach Alfter und eines, Thiesens Tochter Angela, nach Waldorf. Die übrigen Kinder blieben ohne Unterricht, wobei ungewiß bleibt, ob der Besuch einer Winkelschule, wie der des Schneiders Knott, als Unterricht gewertet wurde. Immerhin war den meisten der Kinder ein täglicher Schulbesuch zuzumuten: Lediglich 15 Kinder, auffälligerweise ausnahmslos solche von Taglöhnern bzw. von einer armen Witwe, sollten nicht täglich hierzu angehalten werden. Eines der Mädchen, Veronica, Tochter von Theodor Hartmann, sollte vom Schulbesuch „wegen körperlichen und geistigen Gebrechen“ gänzlich befreit sein.

Zur Zahlung eines vollen Schulgeldes von einem Stüber sollten nach Einschätzung von Hartmann und Thiesen die Eltern von 62 der Kinder verpflichtet sein, zu der eines halben Stübers die Eltern von neun Kindern, während 35, also etwa ein Drittel der Kinder, vom Schulgeld befreit sein sollte. Für zwei Kinder fehlt die entsprechende Angabe. Bei den Kindern, für die ein vermindertes oder gar kein Schulgeld bezahlt werden sollte, handelt es sich fast ausschließlich um solche von Taglöhnern oder als unvermögend bezeichneten Personen, während die Kinder der Ackersleute, also der Besitzer von eigenen oder gepachteten Höfen, fast durchweg das volle Schulgeld zu entrichten hatten. Nur in einem Fall, dem des Ackersmanns Cornelius Schwebig, wurde hinsichtlich des jüngeren seiner beiden Söhne ein halbes Schulgeld angesetzt. Ein großer Teil der Kinder von Taglöhnern, 29 von 65, war wie die Ackersleute zur Zahlung des vollen Schulgeldes verpflichtet. Außer Ackersmann und Taglöhner wird allein Wirt als Beruf des Vaters eines der schulfähigen Kinder aufgeführt. Es handelte sich um den oben erwähnten Edmund Bilstein, der für seine Tochter Johanna, also Franz Bilsteins jüngere Schwester, das volle Schulgeld entrichten sollte.

Es galt nun, einen geeigneten Lehrer zu gewinnen. Anforderungen an Lehramtskandidaten sollten gemäß dem Aachener Protokoll von 1814 „angemessenes Alter, ein gesunder Körper, grundlegende Bildung, ein sittlicher Lebenswandel und unantastbarer Ruf“ sein. Für die Roisdorfer lag es nahe, auf Franz Bilstein zurückzugreifen, der hierzu offenbar gerne bereit war. Am 6.5.1817 richtete Bilstein mit Genehmigung des Ortschulvorstands an den Alfterer Pastor Reger eine entsprechende Bitte um die Eröffnung einer Schule in Roisdorf, wobei er auf seine Tätigkeit als Schullehrer im Jahre 1815 hinwies sowie auf seine damals bei Professor Schug in Brühl erfolgreich abgelegte Prüfung. Die Pflichten, die ihm welche dem Schullehreramt obliegen, werde er sich bestreben, genau und pünktlich zu erfüllen.

Das Gesuch Bilsteins wurde von Theodor Hartmann und Ortsvorsteher Conrad Müller mit Genehmigung des Bürgermeisters von Waldorf, Jakob Meuser, unterstützt: „... in Erwägung daß in der Gemeinde Roisdorf bei hundert schulfähige Kinder vorhanden sind, daher die Errichtung einer eigenen Dorf-Schule in dieser Gemeinde durchaus nothwendig ist, indem zur Winterzeit, und bei schlechter Witterung der eine viertel stunde entfernte Schulbesuch nach Alfter oder Bornheim für die Schulkinder sehr erschwert ist, auch die Nothwendigkeit der Errichtung einer eigenen Schule in der hiesigen Gemeinde Roisdorf von der höhern Behörde schon anerkannt worden, so haben unterzeichneter Gemeinde Vorstand der Gemeinde Roisdorf Conrad Müller und Theodor Hartmann für gut erachtet, und einstimmig beschlossen, daß mit Vorbehalt der Genehmigung der höhern Schulbehörde 1) in der Gemeinde Roisdorf eine eigene Dorfschule errichtet werden soll. 2) daß Herr Franz Bilstein von Roisdorf zum Lehrer in besagter Schule vorbehaltlich der Genehmigung der Höhern Schulbehörde ernannt werden soll 3) daß ein ordentliches dazu eingerichtetes Local, und das Schulgerethe aus eigenen Mitteln der unterzeichneten Gemeinde Vorstand und der bemittelten Klaße der Bewohner Roisdorfs angeschaft und bestritten werden soll. 4) daß die Armen Schulkinder deren Angehörige nicht zur Zahlung im Stande, bis zur weiteren Bestimmung höherer Behörde, gratis unterrichtet werden sollen.“ Offenbar erfolgten sowohl die Zustimmung Regers als auch die entsprechenden Genehmigungen der höheren Schulbehörden, so daß Bilstein noch im gleichen Jahr den Unterricht aufnehmen konnte.

ehem. Töpferei des Brunnenpächters Mülhens

Ein eigenes Schulhaus stand hierfür freilich noch nicht zur Verfügung; ein solches zu errichten, dürfte die Möglichkeiten der Gemeinde weit überstiegen haben. Aber auch der heruntergekommene Tanzsaal der Wirtschaft Schlitzer, in dem Bilstein 1815 unterrichtet hatte, erschien nicht mehr tragbar. Gemäß Dorfchronist Wilhelm Rech richtete man daher im geräumigen Drehsaal einer dem gegenüber dem Mineralbrunnen in der Brunnengasse gelegenen ehemaligen Töpferei die Schulstube ein. Ob dies bereits bei der Gründung der Dorfschule 1817 geschah, oder Bilstein auch damals zunächst noch den alten Tanzsaal eine Zeitlang weiterbenutzte, bleibt allerdings unklar. Das Haus, das die neue Schulstube beherbergte, an der Stelle des heutigen Hauses Klemmer, Brunnenstr. 80, gelegen, gehörte damals dem ehemaligen Brunnenpächter Franz Mülhens, der auch die Sternenburg in Poppelsdorf besaß und der nur gelegentlich in Roisdorf wohnte, ansonsten das Haus von einem Junggesellen namens Rothard verwalten ließ.

Haus Klemmer an der Stelle der ehemaligen Töpferei

Obgleich es immer noch keine offizielle Schulpflicht gab, drängte man doch seitens der Behörden massiv auf einen regelmäßigen Schulbesuch bzw. zur Zahlung des Schulgeldes auch durch diejenigen Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schickten. Ob es in Roisdorf ebenso wie in Bornheim zu behördlichen Zwangsmaßnahmen kam, wie sie Johann Walraf für 1817 mitteilt, ist nicht bekannt: In Bornheim jedenfalls brachte damals die Polizei widerspenstige Kinder mit Gewalt in die Schule.[xxvii] Daß keineswegs alle mehr als 100 schulfähigen Roisdorfer Kinder Bilsteins Unterricht beiwohnten, macht der Bericht deutlich, den der Oberpräsident der Provinz Jülich-Kleve-Berg, von Solms-Laubach, über seine Visitationsreise zu den Schulen der Regierungsbezirke Köln und Düsseldorf im Sommer des Jahres 1818 verfaßte. Zugleich vermittelt dieser Bericht einen aufschlußreichen Blick in die Unterrichtswirklichkeit der jungen Schule. Am 4. Juni betrat Solms-Laubach unangemeldet die Schulstube in Roisdorf. „In diesem Ort“, vermerkt er, „ist seit kurzem eine Nebenschule, zu der sich etwa 40 Kinder halten, die früher nach Alfter gehörten, gebildet. Der Lehrer (Billstein) ist noch jung, aber nicht ohne Anlagen. Seine Unterrichtsmethode ist gut, nur ist er selbst in der deutschen Sprache noch sehr zurück. So schreibt er z.B. wehrent statt während, Opst statt Obst, raupfen statt raufen. Das Schulhaus gehört dem Schöffen Müller, die Gemeinde hat kein eigenes Local.“ Damit war das Urteil des Oberpräsidenten über Bilstein vergleichsweise positiv ausgefallen, dieser also nicht zu dem Drittel der begutachteten Lehrer zu zählen, die wegen Unfähigkeit alsbald zu ersetzen seien. Über Bilsteins Alfterer Kollegen Clemens hatte sich Solms-Laubach kein Urteil bilden können, da er diesen nicht angetroffen hatte. Lediglich die Schulstube im Hause Clemens, in der sich eine Hobelbank mit allem übrigen Handwerkszeug des Schreiners befand, konnte er besichtigen und fand sie „erbärmlich“.

Bilsteins Ablösung und Thiesens Berufung

Ansicht des Brunnens, ca. 1824

Weniger zufrieden als der durchreisende Oberpräsident war Pastor Caspar Reger mit dem jungen Lehrer. Im Mai 1818 machte er ihm brieflich Vorhaltungen darüber, daß er nicht, wie es seine Pflicht gewesen wäre, der vom Pastor in der Alfterer Pfarrkirche für seine Pfarrkinder täglich erteilten christlichen Lehre beigewohnt habe. In einem Entschuldigungsschreiben beeilte sich Bilstein darauf hinzuweisen, daß es für die Bearbeitung und Bepflanzung der Grundstücke (seiner Familie) höchste Zeit gewesen sei, ebenso für die Besorgung der Geschäfte am Mineralbrunnen, die sein (im Vorjahr verstorbener) Vater lange Zeit nicht habe vornehmen können und die nun er vor und nach dem Unterricht habe besorgen müssen. In Zukunft werde er seiner Pflicht desto genauer nachkommen. Wohl um den Verdacht zu zerstreuen, daß ihm die christliche Lehre wenig bedeute, weist Bilstein darauf hin, daß er selbst zweimal in der Woche, mittwochs und samstags von 9 bis 11 Uhr, die Kinder in derselben unterrichte. Im übrigen benötige die Schule noch einen 16 Fuß langen Tisch und insgesamt 10 acht Fuß lange Bänke.

Die Zweifel an Bilsteins Diensteifer und wohl auch seinen Fähigkeiten scheinen jedoch mit dem Entschuldigungsschreiben nicht gemindert worden zu sein. Im Sommer 1818 hatte er sich jedenfalls zu einem dreimonatigen Kursus in Köln einzufinden, der nach Prüfung durch den Schulpfleger nicht nur für Lehrer bestimmt war, „deren feste Anstellung von einer solchen Vervollständigung ihres eigenen Wissens und einer Verbesserung ihrer Lehrmethode abhängig gemacht ist“, sondern auch solcher, „die einer Nachhilfe bedürfen“. Täglich waren vier Lehrstunden angesetzt, zu denen die Teilnahme an vorbildlichen Unterrichtsstunden an Kölner Elementarschulen hinzukamen. Der Kursus zählte zu Beginn 170 Teilnehmer. Von ihnen verließen 40 ihn vorzeitig – unter ihnen auch Franz Bilstein, der sich dabei bewußt gewesen sein dürfte, daß man ihn an der Roisdorfer Dorfschule nicht länger dulden werde, und der sich daher von Pastor Reger am 7.10.1818 ein Zeugnis seines Wohlverhaltens und der geleisteten Pflichten ausbat, das er für sein weiteres Fortkommen benötige.

Tatsächlich richteten bereits am 12.10.1818 Pastor Reger, Ortsvorsteher Müller, die Schulvorstände Hartmann und Thiesen sowie Kirchenmeister Heinrich Kreutzberg und Lehrer Clemens das Gesuch an Schulpfleger Oberpfarrer Iven, den Franz Bilstein als Schullehrer von Roisdorf zu entlassen. Massive Klagen wurden gegen ihn erhoben: „1. Er ist ein stolzer und grober Mensch; 2. verhält sich als ein schlechter Lehrer, der die Kinder mit ganzen Stunden allein sich überlassen in der Schule zurückließ; 3. achtete auch in der Kirche auf die Kinder nicht; 4. betrug sich selbst darin nicht wie ein Lehrer und war meistens in keiner Andacht; 5. ging er mit niederträchtigen Frauenzimmern an verdächtigen Orten spazieren; 6. ging er in Häuser, wo Lieder, von ihm zum Scherze anderer Menschen erdacht, gesungen wurden; 7. hielt er sich in schlechten Wirthshäusern so lange auf, bis er besoffen, kaum von seinen Füßen getragen, spät nach Hause wankte; 8. schlief er fast bis zehn Uhren und versäumte die Schulstunden; 9. ging er manchmal einige Stunden lang in andere Häuser sitzen, indem er in der Schule die Schulkinder den Kindern überließ; 10. selbst gegen die Schulvorstände, die ihn wegen seynem Betragen zur Rede stellten, hat er sich frech und grob betragen.“ Das Zerwürfnis zwischen den Schulvorständen und dem Lehrer war offenbar unüberbrückbar. Welchen Anteil daran indes die Schulvorstände hatten, bleibt im Dunkeln. Daß ein Mensch wie Bilstein nicht länger als Schullehrer tragbar war, erscheint verständlich, wenn auch verwundert, daß man die schlechten Charaktereigenschaften im Vorjahr, als man ihn als Lehrer anstellte, noch nicht erkannt hatte. Das weitere Schicksal Bilsteins geht aus den erhaltenen Akten nicht hervor, in Roisdorf scheint er jedenfalls, wie später auch die Schulchronik berichtet, nicht geblieben zu sein

Einen geeigneten Nachfolger für Bilstein konnten die Schulvorstände bereits im selben Schreiben an Oberpfarrer Iven anbieten. Es handelte sich um Hilger Thiesen, den begabten ehemaligen Schüler des Bornheimer Lehrers Walraf: „Wir stellen ihm den Hilger Thiesen zum neuen Schullehrer in Roisdorf vor, von dem wir uns die beste Hoffnung machen, daß er ein guter Lehrer der Kinder seyn werde. Er hat dem jüngsten Lehrer Kursus zu Cölle beygewohnt, zeigt vielen Fleiß, hat ein stilles sittsames Betragen immer gezeigt und verspricht gemäß seinem eigenen beiliegenden Ansuchen um diese Stelle die Pflichten des Lehrers sowohl in als außer der ihm anvertrauten Schule genau zu erfüllen.“

Leider hat sich das Bewerbungsschreiben des Hilger Thiesen nicht erhalten, so daß außer dem Besuch der Bornheimer Schule und der Tatsache, daß er an dem Kölner Lehrerkursus im Sommer 1818 teilgenommen und diesen – im Gegensatz zu Bilstein – offenbar auch mit Erfolg abgeschlossen hatte, nichts näheres über dessen Werdegang zu erfahren ist. Bei ihm handelte es sich jedoch, was in den erhaltenen offiziellen Schreiben nicht erwähnt wird, aber nicht unwesentlich zu seiner Berufung auf die Lehrerstelle beigetragen haben dürfte, um den 1797 geborenen jüngsten Sohn des Schulvorstands Christian Thiesen aus dessen erster Ehe mit Helene Vianden. Für ihn sprach, wie aus dem Ernennungsschreiben des Gemeinde- und Schulvorstands vom 12.10.1818 hervorgeht, nicht nur der abgeschlossene Kursus und seine charakterlichen Eignung: „... wir kennen und wißen keinen anderen zu Nennen der uns weniger kosten macht als Eben dieser, und da wir keine Schule und keine wohnung in unser gemeinde haben wo ein lehrer seine verpflegung haben kan wo aber dieser hingegen bey seinen Elteren kost und verpflegung hatt.“

Schreiben Thiesens an den Schulpfleger 1822

Von tiefgreifenden Konflikten, wie sie zwischen Bilstein und den Schulvorständen herrschten, ist für die folgenden 21 Jahre, in denen Thiesen der Schule vorstand, nichts zu spüren. Immerhin jedoch hatte auch Thiesen im Jahre 1822 die Absicht, sein Amt aufzugeben und bat er den Schulpfleger des Landkreises Bonn, Lohé, um seine Entlassung. Dieser jedoch beschied ihm, wenigstens noch sechs Wochen, bis zum Jahresende, den Unterricht weiterzuführen. Das erhaltene Bewerbungsschreiben eines bislang als Bornheimer Hilfslehrer beschäftigten Kandidaten für die Lehrerstelle in Roisdorf, vielleicht des Hordorfers Joseph Mühlens, in dem dieser seinen Ausbildungsgang beschreibt und die Bücher, die er zur Vorbildung auf den Lehrerstand benutzte, aufführt, dürfte in diesen Zusammenhang einzuordnen sein. Letztlich verblieb Thiesen jedoch in seinem Amt, das er bis zu seinem Tod im Jahre 1839 versah. Sein Alfterer Lehrerkollege Clemens erhielt erst in der zweiten Hälfte des 20er Jahre eine definitive Anstellung. Bei dem aus Anlaß von dessen Vereidigung zelebrierten Festgottesdienst bediente Hilger Thiesen die Orgel.

Welche Kosten die Roisdorfer Schule der Gemeinde verursachte, geht aus einer Aufstellung des Jahres 1819 hervor. Demnach erhielt Lehrer Thiesen ein Grundgehalt von 65 Thalern Preußisch Courant und 15 Groschen, wozu eine Entschädigung für Wohnung und Garten des Lehrers von 8 Thalern kamen. An Miete für das Schulhaus hatte die Gemeinde 8 Thaler aufzubringen, weitere 19 Thaler und 12 Groschen für dessen laufende Unterhaltungskosten. Zur Anschaffung von Schulgeräten und Lehrmitteln benötigte man 6 Thaler und 11 Pfennige. Mit ihrem Vorschlag, 80 Thaler an jährlichem Gehalt zu zahlen, drangen Roisdorfer Gemeinde- und Schulvorstand bei der beim Gemeinderat der Bürgermeisterei Waldorf 1819 nicht durch. Im folgenden Jahr wurde das Schulgeld neu festgesetzt, das nicht mehr, wie noch 1817 vorgesehen, in Stübern, sondern in der nun gültigen preußischen Währung zu entrichten war. Der Schulvorstand beschloß, das der bestvermögende Mann monatlich 3 Groschen für sein Kind zu zahlen hatte, der geringervermögende zumindest 2 ½ Groschen, während die Armen weiterhin frei in der Schule unterrichtet werden sollten.

Ein gemeindeeigenes Schulhaus für Roisdorf

Bauzeichnung des neuen Schulhauses

Ein Provisorium blieb aus finanziellen Gründen über lange Jahre hinweg die angemietete Schulstube im Hause Mülhens. Erst in den dreißiger Jahren konnte man darangehen, ein eigenes Schulhaus samt Lehrerwohnung zu errichten. Zu diesem Zweck vereinbarte 1832 der Roisdorfer Ortsvorstand mit Gerhard von Carnap, Bürgermeister der Bürgermeisterei Waldorf/ Bornheim, einen für beide Seiten lukrativen Tauschhandel: Carnap stellte ein geräumiges, zweistöckiges Fachwerkgebäude, das bei der ihm gehörenden Wolfsburg stand und in den benachbarten Teich zu rutschen drohte, der Gemeinde zur Verfügung. Die Gemeinde sollte das Haus abbrechen und an anderem Ort als Schulhaus wieder aufrichten, während Carnap dafür die Jagd in der Gemarkung Roisdorf auf neun Jahre unentgeltlich erhalten sollte. Auch hinsichtlich eines Grundstücks, auf dem das Schulhaus errichtet werden konnte, wurde man rasch handelseinig. Ein Hanggrundstück in der Brunnengasse, auf dem Lindenberg gelegen, das Carnap von Hilger Thiesens Familie erworben hatte, sollte den Roisdorfern zum Tausch gegen zwei der Gemeinde gehörende, doch für sie kaum nutzbare Grundstücke überlassen werden. Der Waldorfer Gemeinderat stimmte diesen Vereinbarungen im Frühjahr 1834 zu, worauf der Roisdorfer Ortsvorstand umgehend mit dem Bonner Universitätsarchitekten Peter Joseph Leydel über die Erstellung eines Bauplans und eines Kostenanschlags verhandelte.

Stall des Schulhauses als Bauzeichnung

Mit Leydel konnte man angesichts der doch recht bescheidenen Bauaufgabe einen renommierten Architekten, der aus einer bekannten Bonner Baumeisterfamilie stammte, gewinnen. Er erhielt seitens des Ortsvorstands genaue Vorgaben. So wünschte man, daß das Erdgeschoß des Hauses, das den Schulsaal aufnehmen sollte, nicht nur mit Ziegelsteinen ausgemauert, sondern auch umkleidet werden sollte. Der Schulsaal sollte, da es zur Zeit etwa 80 schulpflichtige Kinder gebe, für ca. 100 Kinder eingerichtet werden, wobei man, entsprechend den geltenden Vorschriften der Schulbehörde, von fünf Quadratfuß Grundfläche pro Kind ausging. Der obere Teil des Hauses sollte als Lehrerwohnung dienen, zu der auch der Keller gehören sollte. Vorzusehen waren ebenso drei Abtritte, davon einer dem Lehrer vorbehalten, sowie ein kleiner Kuh-, Schweine- und Holzstall. Entsprechend sah der Plan, den Leydel im Sommer 1834 vorlegte, neben dem eigentlichen Schulhaus ein kleines Ökonomiegebäude mit den erforderlichen Einrichtungen vor. Lehrer Thiesen, dem die Planungsphase bereits viel zu lange währte, drängte Ortsvorsteher Müller schriftlich, nun den umgehenden Baubeginn zu ermöglichen.

Kloster Vallombrosa in Acquabella bei Reggello (Toskana)

Zuvor hatten jedoch nicht nur der Gemeinderat, sondern auch die Schulbehörden noch ihre Zustimmung zu erteilen. Schulpfleger Lohé hatte indes nicht nur Bedenken wegen ihm zu gering erscheinende Größe des Schulsaales – die angenommene Kinderzahl sei zu niedrig angesetzt –, sondern vor allem wegen der gänzlich verwilderten vorgesehenen Baustelle in der Brunnengasse, die er im Vorbeifahren gesehen und die ihn – wie er in einer Aktennotiz vermerkte – zu einem „Notseufzer“ bewegt hatte: „Sie kam mir vor wie ein Valombrosa, wohin man eher eine Trappisten- oder sonstige Einsiedlerklause als ein Schulhaus setzen sollte“, auch erinnerte ihn die Flur an einen in einem Gedicht Friedrich Matthissons beschriebenen Fleck, „wo tief zwischen Ranken der Wildnis versteckt kein menschliches Wanken den Träumenden weckt.“ Konkret befürchtete er, daß wegen der schattigen Hanglage der Schulsaal stets feucht und „mufferig“ sein werde.

ehemaliges Schulhaus von 1836, 1960er Jahre

Nachdem indes alle erforderlichen Genehmigungen vorlagen und die Finanzierung geklärt war, konnte man im Frühjahr 1835 den Bau in Angriff nehmen, für den zunächst eine große Menge Erdreich abzuräumen war. Planänderungen und Mängel bei der Bauausführung verzögerten die für den Oktober 1835 vorgesehene Fertigstellung. Erst nachdem die Mängel im Herbst 1836 beseitigt waren, konnte Lehrer Thiesen bei der Gemeinde um die Genehmigung bitten, die neue Schule beziehen zu dürfen, wobei er die schulfreie Zeit der Weinlese dazu nutzen wollte, die Schulgeräte hineinzuschaffen, was sonst noch notwendig sei zu besorgen und mit dem Schulofen den Saal einzuheizen.

Parkplatz an der Stelle der ehemaligen Schule, 2009

Mit seinen Jungen und Mädchen zog Lehrer Thiesen nun in das schmucke neue Schulhaus, das als ältester Teil des in der Folge mehrfach erweiterten Schulgebäudes noch vielen Roisdorfern aus eigener Anschauung bekannt ist. Das 1865 zu Lehrerwohnungen umgestaltete Gebäude wurde Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zusammen mit den späteren Erweiterungsbauten der Schule kurzerhand abgebrochen, nachdem 1962 ein kompletter Schulneubau „auf der Lüste“ zwischen Friedrichstraße und Brunnenallee fertiggestellt worden war. Auf dem Gelände des Schulgebäudes des 19. Jahrhunderts in der Brunnenstraße befindet sich seither ein öder Parkplatz, auf dessen rückwärtige Teile die Beschreibung von Schulpfleger Lohé aus dem Jahre 1834 durchaus wieder zutrifft.

Der Unterricht unter Lehrer Thiesen

Als streng und gewissenhaft bezeichnete später Wilhelm Rech seinen ehemaligen Lehrer Hilger Thiesen. Etwa 100 Kinder unterschiedlicher Jahrgänge gleichzeitig zu unterrichten, war eine alles andere als leichte Aufgabe und erforderte in der Tat Strenge und Gewissenhaftigkeit. Zwar gibt es keine Beschreibung der Schulstunden, die Thiesen abhielt, doch dürften die Verhältnisse denen geglichen haben, die noch 1841 unter seinem Nachfolger Andreas Impekoven herrschten und von dem Direktor des Brühler Lehrerseminars Pauli aufgezeichnet wurden. „ ... von den 106 Kindern, welche zu der Schule gehören“, heißt es dort, „waren 98 zugegen. Lehrer Andreas Impekoven gab den oberen Klassen eine schriftliche Beschäftigung. Eine schrieb einen Brief, eine andere machte eine Beschreibung, eine dritte schrieb Sätze. Inzwischen nahm der Lehrer mit den Kleinen Lautieren, Lesen, sowie Schreiben vor. Hierauf wurden die Kinder der oberen Klassen aus der Biblischen Geschichte gefragt. Sie waren gut darin unterrichtet. Das Lesen in mehreren Abteilungen war gut. Rechnen in drei Abteilungen a) Anwendung der Spezies, b) Detribeispiele, c) Anwendung der zusammengesetzten Regeldetri. Es war gut geübt. Die Schönschrift war ziemlich gut. Es herrschte Ordnung, Stille und Reinlichkeit in der Schule.“

Schulgarten in der Lüste, 1950er Jahre

Lesen, Schreiben, Rechnen und Religionslehre als zentrale Unterrichtsfächer wurden im Verlauf der zwanziger und dreißiger Jahre in den Dorfschulen der preußischen Rheinprovinz ergänzt durch Randfächer wie Handarbeitsunterricht für Mädchen, durch Naturkunde, Erdbeschreibung und Geschichte, allgemein durch Gesang, Zeichnen und Obstbaumzucht. Letzteres hatte neben pädagogischen auch wirtschaftliche Gründe, war die preußische Verwaltung doch bestrebt, die Versorgung der nahegelegenen Städte mit Obst und Gemüse zu sichern und den als entbehrlich erachteten Weinbau, der am Vorgebirge immer noch vorherrschend war, zurückzudrängen. Die Lehrer sollten hierbei, wie eine Bekanntmachung des Jahres 1821 deutlich macht, anleitend wirken: „Vorzüglich wichtig ist es, daß diese allgemeine Verbreitung von den Schulen ausgehend auf diesem Wege sowohl die Jugend zu einer zweckmäßigen Betätigung in ihren Erholungsstunden und zur Achtung von Baumpflanzungen aller Art gewöhnt als auch den Gemeinden selbst ein wirklich nicht unbedeutender Erwerbszweig eröffnet wird.“ Lehrer Thiesen lag als Sohn eines Ackersmanns die Unterweisung in der Obstbaumzucht besonders am Herzen. Wie Dorfchronist Rech berichtet, legte er auf einer ihm gehörenden Parzelle auf eigene Kosten eine Baumschule an und leitete er jeden Mittwoch und Samstag nachmittags, wenn es sich ermöglichen ließ, seine Schüler im Veredeln der Bäume und anderen für die Obstbaumzucht nützlichen Arbeit an. Nach Einschätzung von Rech bedeutete dies nicht nur für Roisdorf, sondern für das ganze Vorgebirge eine Wohltat.

Landkinderleben in der Biedermeierzeit

Auch wenn im Jahre 1825 durch Königliche Order die ganzjährige Schulpflicht eingeführt wurde, so war doch der Schulbesuch der Kinder zumindest in den Sommermonaten noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit, wie eine von Hilger Thiesen im Jahre 1829 angefertigte Liste der Kinder zeigt, die in den Monaten Mai, Juni und Juli dieses Jahres die Schule besuchten. Die Liste reizt dazu, sie statistisch auszuwerten. 54 Familien sind darin mit insgesamt 103 Kindern im schulfähigen Alter aufgeführt. Von diesen waren nur 32, also etwas weniger als ein Drittel, an allen Tagen dieser Monate anwesend, wobei auch die Sonntage mitgezählt wurden; 13 von ihnen erschienen gar nicht zum Unterricht. Im Durchschnitt fehlten die Kinder im Mai an 8,7 der 31 Tage, im Juni an 10,3 der 30 Tage, im Juli gar an 13,5 der 31 Tage. Je weiter der Sommer fortschritt, um so größer wurden demnach die Ausfallzeiten, wohl den Arbeiten in Garten und Weinberg entsprechend, zu denen die Kinder mit herangezogen wurden. Die größeren und kräftigeren Kinder waren dabei naturgemäß starker gefordert als die jüngeren, denen man die Muße des Schulbesuchs vergönnte. Dies ist der Liste deutlich zu entnehmen: Da die Kinder der einzelnen Familien nicht alphabetisch nach Namen, sondern ihrem Alter nach aufgeführt werden, läßt sich erkennen, daß dort, wo es mehrere schulfähige Kinder in einer Familie gab, fast durchweg die älteren Kinder an weit mehr Tagen den Schulbesuch unterließen, als die jüngeren. Als beliebiges Beispiel seien die drei Töchter des Michel Richarz genannt, von denen die älteste, Sophie, an 82 der 92 Tage fehlte, die mittlere, Margaretha, an 53 Tagen, während die jüngste, Anna Maria, den Unterricht an keinem Tag versäumte. Die insgesamt aufgeführten 52 Mädchen fehlten dabei erstaunlicherweise an weit mehr Tagen als die 51 Jungen.

Die Liste verzeichnet, wie schon die zwölf Jahre zuvor angelegte, auch die Berufe der Väter. Diese sind hier jedoch weit differenzierter aufgeführt: Neben Ackersleuten und Taglöhnern finden sich eine ganze Reihe von Sandgräbern, also solchen Personen, die von der Förderung und dem Verkauf des auf den Höhen oberhalb von Roisdorf vorhandenen weißen Quarzsands lebten. Genannt werden auch ein Schuster, ein Schlosser, ein Barbier, ein Wirt, ein Gärtner, ein Leinweber, ein Schreiner, ein Schmied und ein Feldschütz. Die Berufe der Väter hatten deutliche Auswirkungen auf den Schulbesuch der Kinder. So hatten die Kinder der Sandgräber mit durchschnittlich 53,2 die weitaus meisten Fehltage, während die Kinder der Ackersleute an durchschnittlich 28,8 Tagen fehlten, die der Taglöhner an 20 Tagen. Nur bei neun Kindern wird eine besondere Entschuldigung für das Fernbleiben vom Unterricht verzeichnet: Neben der allgemeinen Aussage, daß die Kinder krank gewesen seien, finden sich die Angaben „auf halbe Tage dispensiert“, „das Fieber gehabt“, „wehen Fuß“ und „ein böses Bein“.

Über die zur Zeit Thiesens üblichen Unterrichtszeiten gibt der Anstellungsvertrag von dessen Waldorfer Kollegen Anton Wichterich aus dem Jahre 1834 Auskunft, demzufolge im Sommer wie im Winter täglich sechs Stunden Unterricht erteilt wurden, natürlich Sonn- und gesetzliche Feiertage ausgenommen. Ferientage waren gemäß königlicher Verordnung von 1829 die drei Fastnachtstage, die drei letzten Tage der Karwoche sowie die drei ersten Tage nach Ostern, sodann 14 Tage im Sommer und 14 Tage im Herbst. Letztere Ferienzeiten dienten der Mithilfe der Kinder bei der Ernte – in Roisdorf, wie im übrigen Vorgebirge, also nicht zuletzt der Weinlese – und wurden entsprechend den örtlichen Verhältnissen in unterschiedlicher Weise angesetzt.

Auch außerhalb der Schulstunden achtete Thiesen, gemäß den Erinnerungen Rechs, auf die sittliche Erziehung seiner Schüler: „Hatte einer einen Bubenstreich begangen, so bald der Betreffende Ihm namhaft gemacht wurde, so bekam der selbe, vor der ganzen Schule seine Strafe. Hate einer ein Vogelnest ausgerißen so wurde demselben, auser der körperlichen Strafe auch noch folgendes Lied, von der ganzen Schule vorgesungen:

Lieber Knabe willst mich fangen,
O verschone, o verschone mein.
Denk das auch ich eine Mutter habe,
Die mit Schmerz ihr Kind vermißt
Das so gerne bei ihr ist.

u.s.w. u.s.w.

Diese Moralische - Strafe war meistens viel Empfindlicher wie die Körperliche.“

Über Hilger Thiesens privates Leben ist, mangels erhaltener Zeugnisse, kaum näheres bekannt. Er heiratete spät, wohl 1838, die erst zwanzigjährige Adelheid Linden aus Alfter. Eine Tochter Anna Maria starb noch im Jahr ihrer Geburt 1839. Wenige Monate später, am 24.11.1839, verstarb auch Thiesen, wobei die Umstände, die zu seinem frühen Tod im Alter von 42 Jahren führten, unbekannt sind. Seine junge Witwe heiratete nach Ablauf des Trauerjahres Andreas Impekoven aus Uedorf, der zuvor das Amt des Roisdorfer Dorfschullehrer übernommen hatte und es bis 1858 versehen sollte. Anders als seine Kollegen Christian Clemens in Alfter oder Andreas Flohr in Bornheim vermochte Thiesen es also nicht, eine bis heute bestehende Familie zu gründen.

Hilger Thiesen prägte in der Anfangszeit der Roisdorfer Schule fast eine ganze Generation von Kindern des Dorfes, die, wie das Beispiel Wilhelm Rechs zeigt, sich noch im Alter mit Hochachtung an ihn erinnerten. Daß man eine Straße in der Nähe heutigen Grundschule nach ihm benannte – und nicht nach dem ersten staatlich angestellten Lehrer Roisdorfs, dem charakterlich bedenklichen Franz Bilstein –, daß also er für die Anfänge der Roisdorfer Dorfschule steht, sei ihm daher gegönnt.

Den gesamten Text des Aufsatzes von Ernst Gierlich, "Opst statt Obst, raupfen statt raufen" - Die Anfänge der Roisdorfer Dorfschule (1815-1839), mit Anmerkungen und Literaturangaben finden Sie in: Bornheimer Beiträge zur Heimatkunde, Heft 6, hrsg. vom Heimat- und Eifelverein Bornheim e.V., Bornheim 2001, S. 28-44.