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Ein gesegnetes Fleckchen Erde

Landwirtschaft in Roisdorf

Lebensgrundlage seit grauer Vorzeit

Felder am Vorgebirgshang bei Roisdorf

Das Vorgebirge, die Landschaft zwischen Köln und Bonn, ist von der Natur mit vielen guten Eigenschaften für eine erfolgreiche Landwirtschaft ausgestattet worden. Östliche Winde haben einst eine teilweise mehrere Meter dicke Mischung von Sand und Tonmineralien am Vorgebirgshang abgelagert. In höheren Lagen ist der Sandanteil allerdings für die landwirtschaftliche Nutzung zu hoch. Der lockere, Fluglöss genannte Boden, gehört zum Besten, was die Natur als Ackerboden zu bieten hat. Vor den heutigen teils kräftigen und kalten Winden aus Nordwesten geschützt der erwärmen sich die Hanglagen schnell. Die Voraussetzungen für die Landwirtschaft könnten somit kaum besser sein.

Dass Menschen Urzeiten im Vorgebirge siedelten, sich von den hier angebauten Gemüsen, Früchten und Getreidearten zu ernähren wussten, davon zeugen archäologische Befunde. Für den Roisdorfer Bereich weisen hierauf die Hügelgräber auf den Höhen über dem Dorf hin, die bis in das 20. Jahrhundert hinein deutlich im Gelände auszumachen waren. Heute sind die Hügel völlig abgeflacht, und allenfalls, wenn die Äcker dort frisch gepflügt sind, heben sich gelbbraune Stellen lehmigen Lössbodens von den sonst grobkiesigen, mageren Flächen ab. Im Zentrum der einst bis zu zwei Meter hohen Hügel fand man Brandbestattungen in Urnen, dazu Feuersteinklingen und steinerne Lanzenspitzen. Datiert werden diese in die Bronzezeit und in die frühe Eisenzeit, also in die ab ca. 2000 bis wenige hundert Jahre vor Christus. Wahrscheinlich setzte man hier besonders angesehene Personen aus den weiter unten am Hang gelegenen Ansiedlungen bei.

Obst- und Gemüsegarten von Römern und Franken

Ausgrabung der "Villa Fortuna" in Botzdorf

In welchem Maße die alteingesessene bäuerliche Bevölkerung des Vorgebirges, wohl zum Stamme der Eburonen gehörend, nach der Eroberung Galliens und damit auch der linksrheinischen Gebiete durch Julius Cäsar durch Angehörige des rechtsrheinischen Stammes der Ubier ausgetauscht oder nur durch diese überlagert wurde, ist kaum auszumachen. Auf jeden Fall begann mit der militärischen Befestigung, Besiedlung und Kultivierung der linksrheinischen Gebiete auch für die Landwirtschaft eine neue Zeit. Die erfahrenen Römer hatten schnell erkannt, dass das Land fruchtbar genug war, um die Militärlager bzw. die Städte Bonn und Köln zu versorgen. Das Vorgebirge lieferte, was die römische bzw. romanisierte Bevölkerung, bestehend aus Kelten, Germanen und aus allen Gegenden des Reiches zugezogenen Soldaten und Zivilpersonen zum Leben benötigte, und es ist anzunehmen, dass damals nicht nur große Getreidefelder die Landwirtschaft im Vorgebirge und in der Ebene vor ihm beherrschten, sondern auch solche mit Gemüse und Obstbäumen, vielleicht sogar in späterer Zeit Weinreben. Soldaten erhielten zum Ende ihrer Militärzeit als Abfindung oft ein Landgut, eine sog. villa rustica, von dem sie anschließend leben konnten. Darauf waren sie gut vorbereitet, denn jeder römische Soldat erhielt bei der Armee auch eine handwerkliche Ausbildung. Ein anschauliches Bild von der damaligen Landwirtschaft bieten die vor einer Reihe von Jahren auf den Hangflächen unterhalb Botzdorf gefundenen Reste einer stattlichen römischen villa rustica. Wahrscheinlich gab auch auf den unteren Hangbereichen Roisdorfs Vergleichbares, doch fehlen bislang entsprechende Befunde. Die Nahrungsmittel für die große Zahl von Menschen wurden über gut ausgebaute Straßen transportiert.

Scherben von Roisdorfer Feldern aus vielen Jahrhunderten

Mit dem spätantiken Luxus, den die Botzdorfer villa rustica – etwa mit fußbodenbeheiztem Bad – dokumentiert, war es allerdings wieder vorbei, als nach etwa 400 Jahren die Zeiten unruhiger wurden, die römischen Soldaten schließlich wieder abzogen, fränkische Einwanderer sich als die neuen Herren im Vorgebirge etablierten. Die Besitzverhältnisse und Siedlungsformen änderten sich: An die Stelle großer Landgüter traten zahlreiche bäuerliche Gehöfte weit bescheidenerer Bauart, welche die Kerne der heutigen Dörfer bildeten. Man vermutet, der Name „Roisdorf“ könnte darauf hinweisen, dass es sich aus dem Hof eines Franken namens „Rudo“, „Rudizo“ oder ähnlich entwickelte. Dass man jedenfalls spätestens seit dem 5. oder 6. Jahrhundert die Hänge über Roisdorf mit ihren fruchtbaren Lößböden nutzte, davon zeugen Keramikscherben dieser Zeit, die man auf umgepflügten Flächen heute noch ebenso findet wie Scherben aus allen folgenden Jahrhunderten – Scherben, die dorthin gelangten, als man die Äcker mit dem Hausmist fruchtbar machte, auf den man zuvor auch die zerbrochenen Gefäße geworfen hatte.

Adel und Geistlichkeit schätzen Roisdorf

Sterffelshof auf dem Donnerstein

Die Landwirtschaft am Vorgebirge diente niemals lediglich der Eigenversorgung der hier lebenden Menschen. Über das ganze Mittelalter und die frühe Neuzeit hinweg blieben die Städte Bonn und vor allem Köln als der bevölkerungsreichsten Stadt nördlich der Alpen mit ihrer hochqualifizierten Handwerkerschaft und reichen Kaufmannschaft wichtige Absatzmärkte für die hiesigen Agrarprodukte. Weltliche Herren und geistliche Institutionen erwarben im Vorgebirge umfangreiche Besitzungen, mit deren Obst, Gemüse, Korn und nicht zuletzt Wein sie sich nicht allein selbst versorgten, sondern vor allem lukrativen Handel betrieben. Wie in Roisdorf – hierauf bezieht sich ja unsere Urkunde von 1113 –, besaß etwa das vor den Toren Bonns gelegene Frauenkloster Dietkirchen Güter im gesamten Vorgebirge, die es – etwa als Mitgift eintretender Klosterfrauen aus einheimischen Familien – ständig vermehrte. Äcker, Baum- und Weingärten Roisdorfs befanden sich ebenso in den Händen manch anderer Klöster und Stifte der Region. In gleicher Weise waren hier weltliche Herren wie die lokalen ritterlichen Familien begütert. Nicht nur adlige, sondern später im 18. Jahrhundert vermehrt auch bürgerliche Familien, etwa aus den führenden Kreisen Kölns, erwarben in Roisdorf Ländereien.

Bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit lag auf diese Weise ein Großteil der landwirtschaftlich genutzten Fläche Roisdorfs in den Händen weniger. Eine Aufstellung für die Zeit um 1800 nennt als geistliche Grundbesitzer in Roisdorf das Bonner Cassiusstift, das Stift Dietkirchen das Alfterer Annenkloster, das Kölner Kloster St. Klara und diverse weitere Kölner geistliche Institutionen mit insgesamt 244 Morgen Ackerland, 14 Morgen Weinberg, 4 Morgen Wiesen und 112 Morgen Wald. Als adligem Herren gehörten dem Herrn von Siegerstorf aus Köln, dem Bornheimer Freiherrn von Waldbott-Bassenheim, der Kölner Familie von Wittgenstein und nicht zuletzt den Alfterer Grafen zu Salm-Reifferscheidt-Dyck insgesamt 328 Morgen Ackerland, 11 Morgen Weinberg, 6 Morgen Wiesen und „mehrere hundert“ Morgen Wald.

Bauernpaar in der Vorgebirgstracht des 19. Jahrhunderts

Verwaltet wurden die Ländereien durch sog. Halfen oder Halfwinner, also Pächter, deren Bezeichnung sich davon ableitet, dass sie, zumindest im Grundsatz, die Hälfte der Erträge den Eigentümern abzuliefern hatte. In alle zwölf Jahre erneuerten Verträgen wurden die zu leistenden Abgaben und Dienste, Rechte und Pflichten festgehalten. Die Halfen bewirtschafteten und bewohnten die großen Höfe wie den Dietkirchener Hof, den Clarenhof, sowie die festen Häuser Sterffelshof, Metternichsberg oder die Wolfsburg, von denen in kriegerischen oder räuberischen Zeiten eine Schutzfunktion für den gesamten Ort ausgehen konnte, also auch für die Höfe und Häuser der übrigen Bevölkerung, die als selbständige oder in Pachtverhältnissen stehende Bauern und Winzer ihren Lebensunterhalt bestritten. Natürlich gab es am Vorgebirge auch selbständige Bauern. Für sie bildete das fränkische Erbrecht der Realteilung, nach der jedes Kind einer Familie in gleicher Weise erbte, ein ernstes Problem, wurden die landwirtschaftlichen Flächen doch mehr und mehr zerstückelt, umfassten verstreut in der Flur gelegenen „Öertche“ oft nur wenige Ar.

Neben dem geistlichen, adligen und bäuerlichen Privatbesitz bestand die sog. Allmende, also ein im Prinzip allen Bewohnern des Dorfes in gleicher Weise zur landwirtschaftlichen Nutzung zustehender Bereich. Konkret war dies etwa der Roisdorfer Anteil am sog. „Großen Zent“, also an dem sumpfigen Wald auf dem Vorgebirgsrücken, in den man Schweine zur Eichelmast treiben und aus dem man Holz für Weinstöcke (Ramen), Farn als Streu für das Vieh oder Weiden für Körbe oder Bau- und Brennholz holen konnte, dies allerdings nur zu den Zeiten, die von der Obrigkeit, sprich den Alfterer Grafen, den Inhabern der ab dem späteren Mittelalter auch Roisdorf umfassenden Herrlichkeit Alfter, festgesetzt wurden. Zum Hüten ihres Viehs schlossen benachbart wohnende Bauern zu Hütegemeinschaften zusammen. Einen Nachklang dieser Praxis bildet die heute noch bekannte, wenn auch immer weniger geläufige Bezeichnung „de Hött“ für den mittleren Bereich der Roisdorfer Siegesstraße.

„Reiche“ Roisdorfer Bauern im 19. Jahrhundert

Clarenhof der Familie Jüssen

Die Zeit um 1800 brachte mit den großen politischen und verwaltungsmäßigen Änderungen sowie der fortschreitenden Industrialisierung des Rheinlandes auch die Landwirtschaft im Vorgebirge und in Roisdorf bedeutende Änderungen mit sich. Nach der Auflösung sämtlicher rheinischer Klöster und Stifte wurden deren Landbesitz 1802 von der französischen Domänenverwaltung öffentlich versteigert. Manch ein Halfe nutzte die Chance, den bisher in Pacht bewirtschafteten Betrieb zu erwerben, wie z.B. Wilhelm Jüssen, der Halfe des Clarenhofs. Im Besitz der Familie Jüssen, die man noch lange als „Cloarehalfe" bezeichnete, sollte der Hof bis weit in das 20. Jahrhundert bleiben. Aber auch etwa der Dietkirchener Hof ging in die Hände einer einheimischen bäuerlichen Familie, der Familie Werres über, bevor er an die Familie Müller weiterveräußert wurde, die auch den benachbarten, vormals dem Bonner Cassiusstift gehörenden Sterffelshof erworben hatte. Adlige und bürgerliche Familien wie die Familie von Wittgenstein behielten ihren Besitz, doch gelangte auch manches hiervon schließlich in bäuerliche Hände, wie die Wolfsburg samt umgebenden Ländereien in die der ursprünglich aus Olsdorf stammenden Familie Rech

Bahnarbeiter, 1920er Jahre

Diejenigen Roisdorfer Bauern, die weniger Land ihr Eigen nannten, vermochten sich mit dem Abbau und Verkauf des auf den Höhen oberhalb des Dorfes befindlichen feinen Quarzsand einen bescheidenen Nebenverdienst zu sichern. Diese „Sandgräber“ wurden von der Nachbarschaft nicht ohne Neid beäugt: „Die Roisdebe Löck, die hann vell Jeld, dat ös bekannt en de janze Welt, von Sandkroom, vom Sandkroom“ sangen die Alfterer, wenn auf der Glocke des Roisdorfer Kapellchens gebeiert wurde. Daneben brachte in den 1820er bis 40er Jahren florierende Brunnenbetrieb, der Anschluss des Ortes an das sich entwickelnde Eisenbahnnetz 1844 und vor allem die Einrichtung der Gammersbach‘schen Lederfabrik in den 1850er Jahren Verdienstmöglichkeiten neben der Landwirtschaft und auch den massiven Zuzug von nichtbäuerlicher Bevölkerung, was durchaus zu Spannungen führte, etwa dann, wenn der Sohn einer gut situierten Bauernfamilie die Tochter eines armen Fabrikarbeiters heiraten wollte.

Vom Roisdorfer Weinbau

Obstanbau auf der ehem. Weinbaufläche "Auf dem Fuchsberg" oberhalb des Siefenfeldchens

Im Vorgebirge war die Weinbergsfläche um 1800 deutlich größer als heutzutage an der Ahr. In Roisdorf wurde dabei vor allem eine dunkle, blaurote Traube angebaut, die man Blaufuchs oder Blofes nannt. Daneben gab es den Blanchert oder auch Bellert als weiße Traube. Es sollen Trauben aus dem Vorgebirge gewesen sein, die die Holländer um 1730 nach Kapstadt brachten und damit die Grundlage für den Weinbau in Südafrika legten. Um den Weinbau am Hang zu vereinfachen, wurde das Gelände leicht terrassiert. Die abgeflachten Geländeteile, „Flächten“ genannt, kann man oberhalb des Siefenfeldchens heute noch sehen. Wege, die parallel zum Hang verliefen, nannte man „Reen“. Der „Breede Reen“ war mit Karren befahrbar, über einen „Genge Reen“ konnte man die einzelnen Parzellen nur zu Fuß mit einer Schubkarre erreichen. Die Flurbezeichnung „Im Paußacker“ deutet auf eine frühere Nutzung des Geländes für den Weinbau hin, denn unter „possen“ verstand man das Vermehren von Reben durch Pfropfen.
Obwohl der Wein eine durchaus ordentliche Qualität gehabt haben dürfte, kam Weinbau im Vorgebirge und damit auch in Roisdorf im Verlauf des 19. Jahrhunderts allmählich zum Verschwinden. Hierzu trug eine ganze Reihe von Faktoren bei. Bereits nach dem 30jährigen Krieg im 17. Jahrhundert forcierte man den Gemüseanbau, um die wieder wachsende Bevölkerung zu ernähren, und es wurden gute Preise für die Produkte gezahlt. Um 1800 erstellten hierzulande die Franzosen eine Karte der landwirtschaftlichen Nutzung der einzelnen Gemarkungen. Der Herrenwingert in Alfter taucht darin z.B. als Anbaufläche für Gemüse auf. Die gräfliche Verwaltung hatte nämlich festgestellt, dass man durch Verpachtung des Landes an Gemüsebauern mehr verdienen konnte, als durch eigenen Weinbau. Unter den Franzosen waren ja die Frondienste weggefallen, die dem Adel zu billigen Arbeitskräfte verholfen hatten. Für den arbeitsintensiven Weinanbau war das ein schwerer Schlag.

Zu Beginn des 19. Jahrhundert hatte es der Weinbau besonders schwer. Mehrfach zogen Armeen durch das Land. Die Soldaten tranken den Wein und beheizten ihre Unterkünfte mit Weinstöcken. Es fehlte an Arbeitskräften, weil junge Leute für die Armee rekrutiert wurden und es immer weniger Menschen gab, die sich Wein leisten konnten. Kaum hatte sich der Weinbau wieder etwas erholt, wurde die Reblaus aus Amerika eingeschleppt und vernichtete große Teile des Bestandes.

Durch die Kleinstaaterei in Deutschland musste eine Ware auf ihrem Weg manchmal ein Dutzend Zollgrenzen passieren, was viel Zeit und Geld kostete. Das Vorgebirge mit seiner unmittelbaren Nähe zu Köln und Bonn hatte gegenüber anderen Regionen einen Standortvorteil, der indes wegfiel, als nach der Gründung des Zollvereins die Ware von Berlin in die Rheinprovinzen oder bis nach Stuttgart transportiert werden, ohne dass auch nur einmal Zoll erhoben wurde. Transporte wurden durch die Eisenbahn wesentlich vereinfacht und so entstand eine mächtige Konkurrenz durch Wein aus dem Moseltal und dem Rheingau, der man nicht gewachsen war. Hinzu kam, dass die preußischen Behörden den Weinbau massiv besteuerten, er sich einfach nicht mehr lohnte.

Letzte Weinlese, Gruppenbild der Roisdorfer Winzer auf Haus Wittgenstein

Nachdem dies in den Dörfern des nördlichen Vorgebirges z.T. bereits vor Jahrzehnten erfolgt war, fand die letzte Weinlese Roisdorf im Jahre 1901 statt. Im Bewusstsein des Endes einer uralten Tradition versammelten sich die Roisdorfer Winzer zu einem Gruppenfoto vor der Traubenpresse des Alfterer Gastwirts Weber. Erfreulich ist, dass der Roisdorfer Weinbau in den vergangenen beiden Jahrzehnten durch private Initiativen wiederbelebt wurde. So gibt es heute wieder zwei wohlgepflegte Weinberge in Roisdorf, auf dem Kripsberg und im Hüsbroich, die gehaltvolle Weine liefern.

Roisdorfer Schulgarten in der Lüste, 1950er Jahre

Den Behörden ist nicht vorzuwerfen, dass sie den Weinbau nach Kräften behinderten und den Anbau von Obst und Gemüse entsprechend förderten, war doch die Bevölkerung des sich rasch entwickelnden Ruhrgebiets ernähren, und dazu brauchte man das Gemüse aus dem Vorgebirge. Dorfschullehrer Hilger Thiesen, Sohn eines Roisdorfer Landwirts, legte in diesem Sinne um 1830 einen eigenen Schulgarten an, um die Kinder im Beschneiden von Obstbäumen anzuleiten. In jedem Frühjahr schmückten sich fortan die Hänge des Vorgebirges mehr und mehr mit herrlich blühenden Kirsch- und Pflaumenbäumen, was die Städter aus Köln und Bonn nach Roisdorf zog, wo ja in gleicher Weise der Mineralbrunnen lockte und das man bequem mit der 1842 eröffneten Eisenbahnlinie erreichen konnte.

Als die Einwohner der Städte immer mehr Gefallen an Blumen und Zierpflanzen für ihre Wohnungen und Hausgärten fanden, waren die Bauern des Vorgebirges und Roisdorfs natürlich sofort zur Stelle und lieferten Schnittblumen, Sämereien und Zierpflanzen, ein Erwerbszweig, der bis heute im Vorgebirge vertreten ist. So haben es die Bauern immer wieder geschafft, ihre Existenz zu sichern. Eine permanente Anpassung war dafür aber Voraussetzung.

Frauen der Familie Schmidt, Siegesstra-ße, beim Obstkistenpacken

Der Landwirt und Ortsvorsteher Wilhelm Rech widmet den Neuerungen des 19. Jahrhunderts große Teile seiner Ortschronik. Er resümiert: „1844 zählte Roisdorf 110 Häuser mit 610 Einwohner. Durch den Bau der Eisenbahn Cöln-Bonn wurde die Roisdorfer Station, weiter die Gammersbacher-Fabrick gegründet, der Mineralbrunnen beschäftigte immer mehr und mehr Leute. Durch den Ausfall der Weinberge, die sich nicht mehr lohnten, wurde Stein-, und Kernobst gepflanzt, sowie Spargel, Erdbeeren, Veilchen, und sonstige Blumen und Gemüsezucht betrieben, so dass im Jahre 1890 Roisdorf schon 1115 Einwohner zählte.“ Gemäß einer von Rech überlieferten Zählung gab es im Jahre 1900 bereits 1.621 Einwohner in 314 Haushaltungen, 57 Pferde, 224 Rinder, 110 Schweine, 114 Ziegen, 87 Bienenstöcke, 1.460 Stück Federvieh und mehr als 12.137 Obstbäume. Die Gärten, die sich nicht nur auf den Lößböden des Vorgebirgshangs, sondern auch auf den dank Kunstdünger nun fruchtbar gewordenen Feldern in der Ebene ausbreiteten, ließen Rech ausrufen: „Wenn das so voraussichtlich weiter hier voran geht, wie es den Anschein hat, so wird Roisdorf noch zu einer Garten-Vorstadt werden.“

Neue Anbau- und Vermarktungsmethoden im 20. Jh.

Bauernmarkt beim Bahnhof, Anfang 20. Jh.

Um ihre Gewinnspanne zu erhöhen, brachten manche Bauern ihre Ware zum Kunden auf den Markt und verkauften sie dort. Der Weg nach Bonn war mit drei Stunden erheblich kürzer als der Weg nach Köln, für den man sieben Stunden brauchte. Kleinere Mengen wurden meist von Frauen in Körben auf dem Kopf oder Kiepe auf dem Rücken getragen. Größere Lasten transportierten die Männer auf Handkarren – ein lukratives, aber auch anstrengendes und riskantes Geschäft. Im Jahre 1920 fanden in Alfter auf Initiative des dortigen Dechanten Bergené Bauern aus dem Vorgebirge zusammen, um Transport und Vermarktung genossenschaftlich zu organisieren. Realisiert wurde dies mit der Obst- und Gemüseversteigerung am Roisdorfer Bahnhof.

Auf die Versteigerung, die in den folgenden Jahrzehnten einen wesentlichen wirtschaftlichen Faktor in Roisdorf bilden sollte, wird im Beitrag zur Roisdorfer Wirtschaft ausführlicher eingegangen: Ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort

Moderne Gewächs-häuser, 1920er Jahre

Wollten die Landwirte des Vorgebirges konkurrenzfähig bleiben, so galt es nicht allein bei der Vermarktung, sondern auch bei Erzeugung auf der Höhe der Zeit zu sein. Auf dem Gelände der Villa Anna im Roisdorfer Oberdorf, in deren ausgedehntem Park bereits im späten 19. Jahrhundert innovative Formen des Obst- und Gemüseanbaus – etwa unter Verwendung von Gewächshäusern – getestet worden waren, eröffnete zum Wintersemester 1929/30 „Obst- und Gemüsebauschule“ ihren Lehrbetrieb. Bis in die 1950er Jahre hinein wurden dort Jungbauern des Vorgebirges in allen Bereichen moderner Agartechnik intensiv geschult. Hierzu mehr im Beitrag zur „Villa Anna“.

Erdbeeranbau auf den Vorgebirgshöhen, 1930er Jahre

Der Zweite Weltkrieg brachte für die Roisdorfer Landwirtschaft entsprechende Schwierigkeiten mit sich, zumal die Söhne der Familien an der Front waren, die Last der Arbeit auf den Alten und den Frauen lag. Hilfestellung leisteten dienstverpflichtete Frauen aus dem besetzten europäischen Osten und vor allem französische Kriegsgefangene, die den einzelnen bäuerlichen Betrieben zugeteilt wurden. Die strengen behördlichen Auflagen, die einen allzu vertrauten Umgang zwischen den Zwangsarbeitern und den einheimischen Familien verhindern sollten, überging man in der Praxis allerdings meist, so dass sich bisweilen über den Krieg hinausreichende Freundschaften bildeten. In der entbehrungsreichen sog. „doll Zick“ nach dem Krieg wussten manche Landwirte den Unterhalt ihrer Familien durch „Maggelei“ (illegalen Tausch von Obst und Gemüse gegen Güter des täglichen Gebrauchs), Schwarzschlachtung oder Schwarzbrennen zu sichern.

Werbeschild für das Rebellenblut, 1950er Jahre

Als Roisdorfer Besonderheit ist für die Nachkriegszeit der Brombeeranbau auf den – steinigen und nicht sonderlich fruchtbaren – oberen Hangbereichen sowie auf der Ebene des Villerückens zu erwähnen, die man in der Zwischenkriegszeit gerodet hatte, um sie für die Landwirtschaft zu nutzen. Man kam bereits in den 1920er Jahren auf die Idee, hier die anspruchslosen Brombeeren anzubauen. Das passte ganz gut zum damals weit verbreiteten Obstanbau im Vorgebirge. Brombeeren sind aromatisch im Geschmack, und man kann damit Torten belegen oder Marmeladen kochen. Sie sind indes druckempfindlich und kaum transportfähig. Der auf der Alfter/Roisdorfer Grenze wohnende Wilhelm Maucher, der sich seine Bezeichnung „Vorgebirgsrebell“ durch die energische Vertretung der Interessen der Vorgebirgsbauern gegenüber den Besatzungsbehörden und denen der jungen Bundesrepublik erworben hatte, unternahm es, aus Brombeeren einen Obstwein herzustellen, den er geschickt selbst zu vermarkten wusste. Durch den hohen Zuckergehalt der Brombeeren enthielt das Getränk nach der Gärung reichlich Alkohol und schmeckte trotzdem noch süß.

Heimatblick, 1970er Jahre

Viele Tagesausflügler, insbesondere auf dem inmitten der ausgedehnten Brombeerkulturen gelegenen Lokal „Heimatblick“, haben das „Rebellenblut“ genannte Getränk wie Limonade getrunken, nämlich zu schnell und zu viel. Die Wirkung soll dem Vernehmen nach verheerend gewesen sein. Heute ist es weniger stark, schmeckt indes immer noch köstlich – nicht zuletzt mit Sekt aufgegossen als „Roisdorfer Düwel“, der exklusiv auf der Roisdorfer Kirmes ausgeschenkt wird.

Eine Zukunft für die Landwirtschaft in Roisdorf?

Besucher der Baumblüte, 1950er Jahre

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war allgemein von einem steten Rückgang der Landwirtschaft in Roisdorf geprägt. Die vielen bäuerlichen Klein- und Nebenerwerbsbetriebe, die es noch in den 1950er und 60er Jahren gab, verschwanden später weitgehend. Der rasante Entwicklung der Bundeshauptstadt Bonn und überhaupt der Köln-Bonner Region machte auch Roisdorf als Wohn- und Wirtschaftsstandort attraktiv. Die bedeutete, dass zunehmend landwirtschaftlich genutzte Flächen innerhalb des Dorfes und in seiner Umgebung der sog. „rheinischen Fruchtfolge“ zum Opfer fielen: „Ackerland – Brache – Bauland“. Wo einst in der Ebene Gemüse- und Getreidefelder lagen, befinden sich nun mit mal mehr, mal weniger Geschick gestaltete Wohnblöcke oder Reihenhaussiedlungen. Die Obstbäume im Hangbereich sind spätestens mit den Flurbereinigungsmaßnahmen der 1960er und 1980er Jahre weitgehend verschwunden oder zeigen sich als Spalierobstplantagen. Statt der Erdbeer- oder Blumenkulturen findet man dort zunehmend Pferdeweiden oder verwildernde Flächen, die vor gänzlicher Bebauung zu bewahren und damit die Zerstörung wertvollsten Ackerbodens zu verhindern, eine wichtige Zukunftsaufgabe bleiben wird.

Besichtigung der Gärtnerei Dick

Die Landwirtschaft in Roisdorf ist damit jedoch keineswegs ausgestorben. Sie konzentriert sich lediglich auf wenige, jeweils hochspezialisierte Betriebe, sei es, dass man großflächig Spargel oder Erdbeeren anbaut, ökologischen Landbau betreibt oder in mit ausgefeilter Technik betriebenen Gewächshäusern Kräuter oder Blumen verbraucher- und termingerecht für den deutschen und europäischen Markt produziert - oder auch ökologischen Anbau betreibt. In diesen Formen erscheint die Roisdorfer Landwirtschaft auch weiter zukunftsfähig.

Bauer mit Egge

Mit bäuerlicher Romantik hat dies freilich nichts zu tun. Dergleichen Verklärung – etwa in dem Sinne, „es gibt keinen schöneren und erhabeneren Anblick als den eines Bauern, der mit seinem Pferd im Morgengrauen seine Bahnen zieht und den Acker pflügt“ – entsprach ohnehin nie der arbeits- und entbehrungsreichen Wirklichkeit, weder in Roisdorf noch anderswo. Gleichwohl können die Roisdorfer dankbar dafür sein, dass die Landwirtschaft am Fuße des überaus fruchtbaren Vorgebirges ihnen bis in unsere Tage eine sichere Lebensgrundlage bot – und dies auch hoffentlich noch bei späteren Generationen so sein wird.

Text: Peter Hoechst